DER
FLEISCH-
PROGRAMMIERER

Wolfgang Kühn interviewt: Wolfgang Glechner
"Niemand ist in Braunau geboren" heißt das mittlerweile vierte Buch des gebürtigen Innviertlers Wolfgang Glechner. Darüber und über vieles andere mehr erzählt er Wolfgang Kühn im DUM-Interview.

DUM: Deine bisherigen vier Bücher sind abwechselnd im Dialekt und in Hochsprache geschrieben. Warum dieser Wechsel? Wo fühlst Du Dich wohler? Was goutiert die Leserschaft mehr?

Titelgeschichte des Buches Fleischprogrammierer: Ein Programmierer erklärt dem Lois, einem einfachen Bauarbeiter, das Programmieren. Das kann man nur in Mundart so saftig erzählen. Es hat also hauptsächlich mit den Inhalten zu tun.
Hochsprache passt wiederum besser zu den komplizierten neurotischen Charakteren in "Der schwer erziehbare Kleiderkasten", oder zur Romanform. Und sie bietet natürlich den Vorteil einer potentiell größeren Leserschaft und geringeren Abhängigkeit vom gerade angesagten "lokalen Kulturwetter".
Beides, meine Dialekt- wie die hochsprachlichen Bücher fanden begeisterte und für meine Begriffe viele Leser und Zuhörer. Allein bei den Wiener Büchereien sind, wie ich kürzlich zufällig entdeckte, zehn Exemplare vorhanden, und nicht weniger als sechs davon sind im Moment gleichzeitig von Lesern entliehen. Das freut einen Autor natürlich.
Manche bevorzugen meine hochsprachlichen, manche meine Dialekterzählungen, wie z.B. der von mir sehr verehrte Alois Brandstetter, der schrieb, eine Zugreise von 200 km sei ihm bei der Lektüre meines "Fleischprogrammierer" wie 20 km erschienen. Begeistert war er vom "U-Bahn-Flitzer". Übrigens gleich ein Beispiel dafür, dass manchmal sogar innerhalb meiner Dialektgeschichten Mundart und Schriftsprache wechseln: Karl wird beim nächtlichen Nacktbaden in der Neuen Donau seiner Kleider bestohlen. Wie soll er jetzt nach Hause? Ein vorbeikommender bundesdeutscher Student, anstatt ihm zu helfen, "quasselt" ihn unablässig voll mit seiner Doktorarbeit über Kleiderdiebstahl, natürlich in Hochsprache, bis Karl in seiner Verzweiflung nackt in die U-Bahn flüchtet. So etwas lebt natürlich vom sprachlichen und kulturellen Kontrast gleichermaßen.

DUM: Das Cover Deines jüngsten Buches "Niemand ist in Braunau geboren" ziert ein Geige spielender Junge mit Lederhose und Hitlerbärtchen, im Buch selbst geht es dann eigentlich "nur" in einem der zwanzig Kapitel so richtig um den "Gröfaz". Warum hast Du dennoch dieses Cover gewählt?

"Wir Braunauer" würden ja liebend gern tauschen, z.B. mit den Salzburgern, und unseren "großen" Sohn gegen den ihren eintauschen, den Mozart. Zu Mozart würde auch die Geige besser gepasst haben. Aber das geht nicht.
Das Hitlerbärtchen am Cover ist daher nur die Sichtbarmachung eines kleinen kollektiven Stigmas, das uns Braunauern permanent unter die Nase gemalt wird. Das Buchcover war mir jetzt einmal ein willkommene Gelegenheit zu einer passenden Gegenprovokation, die sowohl scherzhafte "Rache" ist für bereits erduldete, als auch "generalpräventive Notwehr" gegen alle zukünftigen diesbezüglichen Hänseleien.
Die ja sowieso nicht ausgeblieben wären, bei einem Roman, der in Braunau spielt.
Und für den ich übrigens viel positive Rückmeldung bekomme, wie etwa die der Sprachwissenschaftlerin und Verlegerin Univ. Prof. Dr. Eva Lavric, die auf amazon ihre Überraschung darüber ausdrückt, "neben dem Humor diesmal auch feinere, philosophische Töne" und Berührendes in meinem Roman zu entdecken.

DUM: Wann und wieso hast Du Braunau verlassen?

Irgendwann als junger Mann bin ich von Braunau "abgehauen", ohne Koffer oder Rucksack, nur mit einem Stück Seife in der Jackentasche, einer Zahnbürste und einem Reisepass, ähnlich wie am Schluss meines Romans. Ich lebte dann jedoch nicht auf den Galapagos ;-), sondern vorerst ein Jahr in Rom und später an der ligurischen Küste. Ziemlich "abgefahrene" Geschichte. Aber eben eine andere Geschichte. Jedenfalls bin ich nachher nicht mehr nach Braunau zurück.

DUM: Hast Du noch Verbindungen in die "alte" Heimat? Die Erinnerungen im Buch lassen eine starke Bindung vermuten.

Braunau spielte jahrzehntelang kaum mehr eine Rolle für mich. Erst die Arbeit am Roman seit 2012 grub viele verschüttete Erinnerungen aus. Auch Freundschaftsbande wurden wieder belebt oder neue geknüpft. Und durch die Lesungen komme ich in allerletzter Zeit wieder vermehrt nach Oberösterreich und ins Innviertel, und freue mich darüber.

DUM: Im Gegensatz zu vielen anderen "Zugezogenen" hört man bei Dir noch die Herkunft pur. Ist da ein gewisser Stolz, trotz der vielen Jahren in Wien sprachlich nicht angepasst worden zu sein?

Ich habe eine Zeit lang schon mehr "gewienerlt" als jetzt. Als ich aber 1985 in die Situation kam, meinem damals zweijährigen Sohn Michael als Alleinerzieher "das Sprechen beizubringen", kam mein Heimatdialekt wieder mehr zum Vorschein. Nur in diesem, so fühlte ich, konnte ich meinem Bengelchen die nötige Nestwärme mitliefern. Meine Dialektbücher, die vielen Rundfunksendungen "Glechner liest Glechner" auf den freien Radios und die Dialektlesungen vor Saalpublikum haben später noch einmal einen weiteren "Schub" in die gleiche Richtung ausgelöst.

DUM: Wie geht die Bevölkerung von Braunau mit dem aufgesetzten Stempel der Geschichte um? In Susanne Ayoubs Film "Es war einmal in Mauthausen" kommt da immer wieder eine Art tiefes Schuldgefühl der Bevölkerung an die Oberfläche. Ist so etwas Ähnliches in Braunau zu bemerken? Oder anderes gesagt, ist es möglich stolz zu sein, in Braunau geboren worden zu sein?

Es mag schon den einen oder anderen Spinner geben, der stolz ist. Im Großen und Ganzen spielte jedoch das Gröfaz-Thema in meiner Jugend wenig Rolle, solange wir Braunauer unter uns waren. Das hat sich glaube ich nicht geändert. Abgesehen von den "Braunauer Zeitgeschichtetagen", wo seriöse Geschichtsaufarbeitung mit Schwerpunkt Faschismus passiert, kocht das Thema manchmal medial ein bisschen hoch. Meistens geht es ums Hitlerhaus, wie z.B. erst neulich in Lisa Bolyos ausgezeichnet recherchiertem Artikel in der Berliner Wochenzeitung "Jungle World", in dem sie übrigens ausführlich auf mein Buch Bezug nimmt und den Inhalt eines ganzen Kapitels wiedergibt.

DUM: Wolfgang Glechner wurde die Dialektliteratur gleichsam in die Wiege gelegt. Wäre der Vater Gottfried Glechner stolz auf die Bücher von Wolfgang Glechner?

Er würde sie zweifellos mögen und schätzen. Sich freuen, dass die glechnersche Schreibfeder nicht eingetrocknet ist, sondern weiterhin munter Tinte verspritzt. Und dass ich nicht nur mit meinen, sondern vor allem in Oberösterreich auch mit seinen Geschichten das Publikum unterhalte.
Was gar nicht so einfach war, denn aus Konkurrenzgründen hat man jahrelang erfolgreich zu verhindern versucht, dass ich als Mundartvortragender und Schreibender in der oö. Heimat bekannt werde und zu Lesungen eingeladen werde. Dahinter stecken seltsamerweise vor allem ein paar angebliche Gottfried-Glechner-Freunde, allen voran der Funktionär eines oö. Mundartdichterverbandes, die nach Vaters Tod auf vielerlei Arten seine Werke zu nutzen begonnen hatten, in Lesungen, ORF-Sendungen etc.. Was ja erfreulich gewesen wäre, hätten sie es im Einvernehmen getan, und uns nicht durch Tantiemenhinterziehung, Desinformation und andere Eigenmächtigkeiten praktisch enterbt und später mit Intrige und hartnäckiger verbandsmäßiger Hetze gegen mich auch noch von jeder Nutzung durch eigene Lesungen auszuschließen versucht.
Das war weder anständig noch intelligent, und hat uns gezwungen, anwaltliche Hilfe zur Abmahnung von Übergriffen einzusetzen.
In letzter Zeit aber gibt es Anzeichen dafür, dass in dieser Sache langsam die Vernunft zunimmt. Zum beginnenden Umschwung hat natürlich beigetragen, dass das Publikum von meinen wenigen bisherigen Lesungen in OÖ. begeistert war, bei zwei Lesungen waren es über hundert, in Lambrechten sogar 400 Besucher auf einmal.

DUM: Wie war das künstlerische Verhältnis Vater - Sohn?

Meine Eltern förderten bei ihren Kindern alles Musische. Meine Literatur hat Vater nur auf indirekte Art beeinflusst, denn als er zu schreiben begann, war ich längst in Wien und interessierte mich für seine Schriftstellerei weniger. In Lesungen habe ich ihn nie gehört. Wenn ich jetzt Innviertler Mundart angeblich "genau wia der Vater" vortrage, ist das sicher eher genetisch und durch Prägung als Kind erklärbar.
Erst nach meinem eigenen ersten Mundartbuch hab ich alles von ihm gelesen, schätze ihn jetzt auch als Autor sehr, auch wenn ich nicht alle seine Einstellungen teile. Und ich kümmere mich nun um seinen Nachlass. U. a. gaben mein Bruder Gottfried und ich im Vorjahr gemeinsam das "Das Gottfried Glechner Lesebuch" heraus.

DUM: Was bedeutet für Dich der Begriff "Heimat"?

Ist für mich nur zum Teil durch eine Gegend oder ein Land bestimmt. Kulturelle Gemeinsamkeiten wie Sprache spielen eine Rolle. Darüber hinaus gehören aber geistige und menschliche Wahlverwandtschaften dazu, unabhängig von ihrer Nationalität, wie beispielsweise eine ganze Reihe von Künstler- und Schriftstellerkollegen und Freunden. Selbstredend meine Kinder, Geschwister etc.

DUM: In Deinen "Geschichten vom Innviertler in Wien" wird mitunter auch der Bogen überspannt, wie beispielsweise beim Hosenkauf des Gruaber-Sepp oder bei der Computertomographie des Maier Lois. Gibt es da auch gelegentlich Kritik, die Innviertler würden dümmer bzw. rückständiger dargestellt als sie tatsächlich sind?

Wenn Du, lieber Wolfgang Kühn, selbst ein Meister der Mundart, deine "(zehn) gstandenen Waldviertler" köstlich aufs Korn nimmst, wie etwa in deinem Buch "In meina Wöd", überspannst Du ja genauso den Bogen - und Du weißt daher selbst am besten, dass Übertreibung zur Kunst gehört, zur Satire natürlich besonders.
Der Stoff meiner Mundartschwänke sind wir alle, ist der durch eine immer kompliziertere Zivilisation überforderte Mensch. Nur stellvertretend sind's bei mir Innviertler, die zudem - nicht nur mich - häufig stark an einen gewissen Wolfgang Glechner erinnern.
Meine Innviertler Landsleute verstehen das ohnehin, sie haben generell viel Sinn für Humor.

DUM: Was ist für Dich der Unterschied zwischen "Dialekt" und "Mundart"?

Für mich haben, wie Du wahrscheinlich bereits bemerkt hast, beide Begriffe die gleiche Bedeutung. In einem Umfeld, wo mit einem der beiden Begriffe Ideologie zu verbreiten versucht wird, verwende ich jedoch lieber den anderen, den ausgegrenzten.

DUM: Was sind Deine nächsten Pläne?

Verschiedene bereits begonnene Fragmente köcheln vor sich hin.
Fast fertig ist ein neuer Band mit etwa 25 Minidramen oder Dialogstücken.
Derzeit bin ich noch schwerpunktmäßig (das wechselt bei mir etwa im Halbjahrestakt) mit Malerei beschäftigt - und mit Zeichnungen. Alles gegenständlich. Was, wenn ich noch einmal Dich aus Deinem Buch zitieren darf, den Vorteil hat: "Da fallts da wenigstns auf, wannst as Büdl verkehrt aufhängst".
70 meiner (nicht verkehrt aufgehängten) Gemälde und Zeichnungen sind gegenwärtig in der Altstadtgalerie Hall in Tirol ausgestellt, einige in der Galerie Lehner in Wien.



Valentin gegen Johann Strauß

Ort: Ein Zugabteil

D (ame): Tschuildigen S die Herrschaften, dem Gespräch mit Ihrer Gattin hab ich entnommen, Sie wollen nach Wien. Wissens, ich hör normalerweise bei fremden Gesprächen nicht zu, und es geht mich ja eigentlich nichts an -
H (err. Schweigt eisern und schaut auf seiner Abteilseite beim Fenster hinaus)
D (ame. Nach einer Weile): Tschuldigen S noch mal, Sie haben ja recht, es geht mich nichts an, aber...
H: Nichts aber. Wie Sie selbst eben richtig sagten - es geht Sie nichts an. Darf ich Sie bitten, uns in Ruhe zu lassen.
D: Aber Ihre Gattin hat gmeint...
H: Was meine Gattin meint oder nicht meint, geht Sie einen feuchten eh schon wissen was an.
D: Aber ich hab nur gmeint weil ihre Gattin sich...
H: Wenn Sie's genau wissen wollen, die Dame ist nicht meine Gattin. Was Sie übrigens ebenso wenig angeht wie alles andere uns Betreffende.
D: Was Sie nicht sagen, die Dame ist gar nicht Ihre Gattin. Das ist ja hochinteressant. Wo Sie doch beide Eheringe tragen.
H: (schweigt eisern)
D: (leise aber beharrlich): Keine Angst - ich verrate nichts - man hat ja so seine Gründe (Sie kichert vielsagend in sich hinein und beginnt wieder in ihrer Frauenzeitschrift zu lesen. Nach einer Weile beginnt sie erneut): Bloß damit Sie mir später nicht bös sind, wenn ich's Ihnen verschwiegen hab, muss ich Ihnen jetzt trotz allem sagen ....
H: Nochmal: Sie müssen gar nichts. Halten Sie einfach den Mund, wenn ich bitten darf.
Und bleiben Sie auf Ihrer Seite und bröseln Sie mir gefälligst nicht Ihre Torte auf den Anzug.
D: (anfangs undeutlich weil kauend) Ef ift keine Korke, ef ift ein Kokokuchen. Ein ganf hervorragender Schokokuchen - ein Rezept meiner Tante Hermi aus Salzburg - vierzig Deka Haselnüsse, die geriebene Schalen von zwei Zitronen - natürlich nur Bio - Sie wissen schon, die wo steht: Schale zum Verzehr geeignet - apropos Salzburg, Sie sind mir bestimmt später bös wenn ich Ihnen jetzt, wo wir schon beim Thema Salzburg sind, nicht sage, dass ...
H: Das einzige wo ich bald wirklich bös werde, wenn sie jetzt nicht endlich ihren Rand halten. Ich darf doch bitten. Was gehen mich Ihre Biozitronen an. Und ihr blöder Schokokuchen oder was es ist. Riechen tut's eher nach Silofutter für Kühe.
D: Ach, Sie meinen bestimmt das Sauerkraut, das mit dabei ist. Sie haben absolut recht - das riecht man ein bisschen heraus. Das muss ich meiner Tante noch sagen - der Sauerkrautgeruch ist etwas störend. Schmecken tut's aber hervorragend - hier, kosten Sie ein Stückerl! (bricht ein Stück ab und hält es H. hinüber, wobei eine Menge Brösel auf dessen Hose fallen)
H (springt wütend auf und wedelt mit der Hand die Brösel so gut es geht von der Hose): Jetzt reichts aber wirklich. Können Sie nicht acht geben? Behalten Sie bitte Ihren Schokokuchen und ihre Rezepte für sich. Ich will weder von Salzburg noch von Ihrer Tante was hören noch essen und schon gar nicht auf meinen Anzug gebröselt bekommen. Verstanden? - (für sich:) So was Aufdringliches. Einfach unglaublich.
D (leicht gekränkt): Ganz wie die Herrschaften wünschen. Sag ich halt nix.
Sie schweigt ab nun eisern. Volle anderthalb Stunden. Dann, bereits vor dem Ausgang stehend und mit einem Koffer in der Hand und dem Mantel überm Arm, wendet sie sich wieder zurück, an den Herrn.
D: Gute Weiterreise noch die Herrschaften. Ich komm nämlich gleich an. Um sieben Uhr zehn.
H: Wir auch, wir müssen auch langsam packen anfangen, sieben Uhr fünfzehn, da kommt der "4932 Johann Strauß" ja schon in Wien an.
D: Stimmt, da kommt der Johann Strauß in Wien an. Nur das betrifft Sie nicht.
H: Wieso betrifft uns das nicht?
D: Weil Sie nicht im Johann Strauß sitzen. Sie fahren nämlich in die Gegenrichtung, nach München, Sie sitzen im falschen Zug, im D 3362 Karl Valentin. Das ist es ja, was ich Ihnen von Anfang an mitteilen wollte. Aber Sie haben mich ja nie ausreden lassen. - So! - ich muss leider - wir sind ja schon in Salzburg. Fast hätt ich vor lauter Plaudern den Ausstieg verpasst. - Also, Wiederseehn - papaa! - gute Reisee!

(Copyright: Wolfgang Glechner, Wien, 2014)



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