DIALEKT IST IMMER GEFÜHL

WOLFGANG KÜHN interviewt: Herbert Eigner
Für DUM 86 hat sich DUM mit Herbert Eigner einen Autor ausgesucht, der in der Hochsprache und im Dialekt gleichermaßen beheimatet ist.


DUM: Wie bist Du zum Dialekt gekommen? Bzw. ist es für Dich einfacher, manches im Dialekt auszudrücken als in Hochsprache?

Irgendwann so mit neunzehn, zwanzig haben mich begonnen, die Songs von Georg Danzer und Wolfgang Ambros zu faszinieren. Deren Texte, egal, ob von ihnen selbst oder Prokopetz und wem auch immer geschrieben, haben mich damals ungemein in ihren Bann gezogen. Und tun das bis heute. Und da hab ich vor mittlerweile doch schon beinahe zwanzig Jahren, ich bin jetzt siebenunddreißig, begonnen im Dialekt zu schreiben. Manche Dinge kann man viel besser im Dialekt ausdrücken, als in der Hochsprache. Manche Dinge kann man überhaupt nur im Dialekt ausdrücken. Da hat die Hochsprache gar keine Chance. Vor allem Liebesgedichte schreib ich sehr gerne im Dialekt. Hochsprache ist zu oft Hirn. Dialekt ist immer Gefühl. Und Gefühle sind immer direkt, vielleicht nicht geradeaus. Aber direkt.

DUM: Wann und wo entstehen Deine (Dialekt-)Texte bzw. gibt es bevorzugte Schreibplätze?

Ein Notizheft hab ich immer mit, viele Dialekttexte entstehen unterwegs oder zwischendurch, wenn ich nicht gerade an meinem geliebten großen alten Schreibtisch in meinem Haus sitze.

DUM: Als Verfasser von Dialekt- bzw. Mundartliteratur besteht immer die Gefahr, in Richtung "Heimatdichtung" abgestempelt zu werden. Was lässt sich dagegen tun?

Da müsst ich jetzt mal lange drüber nachdenken, ob das wirklich eine Gefahr ist. Ich weiß natürlich, was du meinst. Zum einen kann man Heimatdichtung ja auch ironisch sehen - so wie sich seinerzeit Peter Turrini als "Heimatdichter" bezeichnet hat. Zum anderen gibt es sehr authentische Heimatdichtung, die trotz aller Stereotype noch immer genug künstlerische Seele hat, um zu berühren. Überhaupt das Wort "Heimat" - darüber könnte man endlos diskutieren ... Ich möcht' in dem Zusammenhang einen kleinen Ausflug zu Nestroy unternehmen. In seinem Stück "Einen Jux will er sich machen" verwendet der Hausknecht Melchior ständig das Wort "klassisch". Irgendwann wird er dann von Gewürzkrämer Zangler gefragt, was "er denn immer mit dem dummen Wort klassisch" hat. Melchior antwortet darauf: "Ah, das Wort is nit dumm, es wird nur oft dumm verwend't."

So ist es auch mit dem Wort Heimat. Und vielleicht auch mit Heimatdichtung. Ich schreib einfach, was ich schreib, und wenn das für jemand Heimatdichtung ist, dann ist es für diesen jemand halt Heimatdichtung. Ich möchte dagegen auch nichts tun. Vielleicht hat dieser jemand ja recht. Aber man kann sich vielleicht gesamtgesellschaftlich gesehen überlegen, was man dagegen tun kann, dass das Wort Heimat nicht dumm verwendet wird.

DUM: Das Thema der aktuellen DUM-Ausgabe lautet "Nachred" - eine urösterreichische Tugend?

Eine menschliche Untugend, die bei uns - um einen Lieblingsausdruck von Thomas Bernhard überzustrapazieren - "naturgemäß" unbewusst eine Tugend ist, und gegen die anzuschreiben die österreichische Literatur seit ihrem Beginn doch ganz gut am Leben erhält.

DUM: Eines der Projekte, an denen Du beteiligt bist, ist eine Hommage an Georg Danzer. Was passiert da genau?

Gemeinsam mit der wunderbaren Gruppe "Die Träumer" (das sind Peter Dollack, Thomas Meindl, Markus Roubin) darf ich hin und wieder bei deren Mission dabei sein, den Poeten Georg Danzer ins verdiente Licht zu rücken. Das heißt in der Praxis: Sie geben ein Konzert mit unbekannteren Songs von Georg Danzer und ich lese noch unbekanntere Liedtexte vom Schurli. Ich hab vorher schon öfter reine Lesungen mit Danzertexten gemacht - und die Zusammenarbeit mit den "Träumern" war dann die daraus resultierende Folge, für die ich sehr dankbar bin.

DUM: Du bist ein sehr vielfältiger Autor. In welchem Metier fühlst Du Dich am wohlsten?

Ich schreibe das, was ich schreibe. Der Inhalt gibt die Form vor, nicht ich. Besonders nahe sind mir skizzenhafte Momentaufnahmen und Menschenbilder, denk ich. Also Kurzprosa und Lyrik. Aber auch die Dramatik fordert mich immer wieder heraus. Und diese Herausforderungen nehme ich gerne an.

DUM: Du hast Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert und bist u. a. Schauspieler, heuer bei den Sommerspielen in Maria Enzersdorf spielst Du in einem Stück von Gerald Szyszkowitz. Sind das für Dich die sprichwörtlichen Bretter, die die Welt bedeuten?

Es sind für mich Bretter, die eine Welt bedeuten. Ich darf ja auch noch in vielen anderen Welten leben: Meiner Ehe, meinem Schreiben, meinem Beruf als Jugendarbeiter etc. ... Und wenn ich jetzt so drüber nachdenk, gehören diese Welten alle zusammen und sind doch eine ...

DUM: Du bist unlängst aus dem Weinviertel (Marchfeld) ins Industrieviertel übersiedelt, aber immer noch aktiv im Verein "Kultur im Kotter" in Groß-Enzersdorf. Eine Herzensangelegenheit?

Eine Herzensnotwendigkeit würde ich sagen. Es ist mir nach wie vor ganz wichtig im Kulturleben meiner Heimatgemeinde Groß-Enzersdorf aktiv dabei zu sein. Abgesehen davon sind wir eine sehr illustre Truppe, die ich nicht missen möchte und darüber hinaus haben wir, und da klopf ich uns - also dem ganzen Verein - mit Eigenlob auf die Schulter, in der kleinen Stadt am Rand von Wien schon sehr viel erreicht. Wir haben sehr viel Literatur und andere Dinge hier - im wahrsten Sinn des Wortes - aufgeführt, die es vorher noch nicht in Groß-Enzersdorf gegeben hat. Und da bin ich, sind wir alle, sehr stolz drauf. Und da sagt das Herz natürlich: Weitermachen.

DUM: Ist Dialekt Deiner Meinung nach integrationsfördernd oder eher ein Hindernis?

Der Dialekt ist in diesem Kontext nicht mehr oder weniger Hindernis als die Hochsprache. Aber natürlich ist die Hochsprache wahrscheinlich doch noch einfacher zu erlernen. Wobei die deutsche Sprache zu erlernen, ein wahrer Höllenritt sein muss. Die oft nicht besonders menschenfreundlichen österreichischen Zwischentöne - ob in Hochsprache oder Dialekt - kommen da noch dazu, und die sind die wahren Integrationshindernisse.

DUM: Das Tragen von Tracht als Symbol von Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit ist stark im Aufwind. Wie siehst Du das?

Eine authentische Tracht zu tragen aus Tradition, Tradition im positivsten Sinn, ist doch etwas sehr Schönes, finde ich. Auch als Symbol von Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit, das ist ja per se auch was sehr Schönes. Mit dem derzeitigen Trachtentrend hat das aber nur wenig und wenn, sehr oft auch sehr Unschönes zu tun - und das wären dann die negativen Konnotationen mit den oben genannten Begriffen.

Dieses ganze Dirndl- und Trachtenjankergetue und kollektive Verkleiden, wenn man auf eine der zahllosen "Wies'n" geht, die sich mittlerweile im Sog des Gabalierismus über ganz Österreich ausbreiten, hat nichts mit Authentizität und Tradition zu tun. Manchmal kommt es mir vor, wir leben da immer mehr in einer "Heimat"-Welt, wie sie Ambros, Prokopetz und Tauchen schon in den Siebzigern mit ihrem Hörspiel "Der Watzmann ruft" parodiert haben. Irgendwie beunruhigend, wenn Leute kollektiv zu ihrer eigenen Parodie werden. ...

DUM: Vielen Dank für das Interview und Alles Gute!


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