DUM NR. 69

THEMA: RATSCHLAG
von väterlich bis fürchterlich
Mit: Bernhard Moshammer - Interview * Katja Sklar-Chang * Markus Prem * Nathalie Rouanet * Elias Hirschl * ChristiAna Pucher * Wolfgang Sebastian Baur * Wilhelm Hengl * Daniel Klaus * Klaus Roth * Regine Koth Afzelius * Jonis Hartmann * Peter Schwendele * Demian Lienhard * Tobias Stenzel * Clemens Schittko * Gerald Lind * Christine Teichmann * Anita Polak-Pollhammer * Horst Leiwig * Robin Reithmayr * Florian Supé * Constantin Schwab * Der Wortvertreter

Rezensionen: Marcel Maas - Prokrastiniert Euch * Annemarie Regensburger - Gewachsen im Schatten

Preis: EUR 3,30.- (EUR 5.- außerhalb Österreichs)
Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.- (EUR 20.- außerhalb Österreichs)
Bestellung: Online, per E-Mail (dummail@gmx.at) oder unter 0664 / 4327973.

DUM-Interview: "Ich liebe es, zu arbeiten" mit Bernhard Moshammer


Leseproben aus DUM 69:

DER GROSSVATER
(Elias Hirschl)

So mein Junge, lass dir von deinem alten Großvater einen Rat fürs Leben geben. Denn das Leben ist nicht immer einfach. Manchmal kann man sich nicht so sicher sein, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Hin und wieder verliert man sich in dem großen Chaos. Man erkennt die eigentliche Logik hinter den Dingen nicht mehr. Und gerade in diesen Momenten ist es umso wichtiger auf die kleinen Dinge zu achten. Die Sonnenstrahlen, die nur für ein paar Sekunden durch die Wolkendecke dringen und das Gesicht wärmen. Man muss sich damit zufrieden geben. Es ist ein Geschenk. Und es hilft einem in dunklen, verschwommen Momenten wieder klarer zu sehen und verstehen zu können, wo man selbst eigentlich steht in Gottes großem Plan.

So wie damals am siebzehnten Fäber 1932, als sich meine Schwester ihre Brustwarzen hat piercen lassen. Das war der Tag, von welchem an ich nie wieder ein Wort mit ihr wechselte, denn ich war ein braver Junge, der stets dem großen Plan folgt. Und ich widerstrebe zu glauben, dass dieser Plan Metallringe in weiblichen Sekundärgeschlechtsmerkmalen vorsieht. Gott mag kein Phosphor, mein Junge, lass dir das sagen!
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EINFÜHRUNG IN THEORIE UND METHODEN DER INSPIRATION
(Constantin Schwab)

Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel und führe mir den elektrischen Rasierapparat mit dem separaten Trimmaufsatz an die Kehle. Heute brauche ich wieder einmal eine ordentliche Barttrimmung, sage ich mir, ein wenig Gesichtspflege, um mich jünger, sozialer und attraktiver zu fühlen. Schließlich sind Dreitagesbärte en vogue.

Wirklich Lust habe ich zwar eigentlich nicht auf die Rasur, aber es geht immerhin schnell. Der Rasierer liegt gut in meiner Hand, ist angenehm leicht und wiegt nicht mehr als eine kleine Zucchini. Früher, da hätte man so einen Vergleich ja noch gar nicht ziehen können, denke ich mir, früher waren die Zucchini ja noch größer. Aber die Zucchini, die man heute im Geschäft so sieht, die sind ja teilweise schon richtig winzig. So wirklich üppige Gartenzucchini findet man heute gar nicht mehr. Solche riesigen Prügel, die noch die ganze Familie ernährt haben. Die hatten noch Gewicht. Aber diese genormten, charakterlosen Supermarktzucchini, die sind nun wirklich nicht mehr viel größer als mein Rasierapparat. Und leicht sind die erst.

Ich rasiere mich fertig und starre auf das ergonomische Ding in meiner Hand. Wie viel mag so eine Supermarktzucchini im Durchschnitt wohl wiegen? Ob sie wirklich so leicht wie mein Rasierer ist?
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FAMILIENREZEPT NACH ALTER ART
(Nathalie Rouanet)

Man nehme einen Vater, der Kraft, Strenge und Autorität verkörpert, und ein Muster an Zärtlichkeit, Vorsicht und Weisheit als Mutter

Die Zutaten auf Liebe betten, mit einer Prise Leidenschaft und einer Messerspitze Lüsternheit bestreuen und ziehen lassen

Die Mischung in ein Gefäß gießen

In regelmäßigen Abständen Rebellionen, Träume, Groll, Bitterkeit und Alltagsschaum abschöpfen

Ein wenig Unschuld, Treuherzigkeit, Lebensfreude, Naivität und Vertrauen in einem Teelöffel Zitronensäure auflösen

Die Mischung zugeben und jahrelang ruhen lassen

Normalerweise bildet sich an der Oberfläche eine Schicht Dankbarkeit und Pflichtgefühl

Die Zugabe von Streitigkeiten, Nörgeleien, Seufzern, Tränen, Geheimnissen und Tabus bewirkt eine leicht bittere Note

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JAGGERS BEERDIGUNG
(Peter Schwendele)

Der linke Straps unter dem langen schwarzen Mantel, der nur die zurückhaltend gestylten, aber ausreichend hochhackigen Stiefel hervorlugen ließ, zwickte ihr ins Fleisch. Das Teil nervte, aber es ließ sich nicht ändern. Sie konnte schließlich nicht vor all diesen Leuten anfangen, an sich herumzuzupfen; das heißt, sie konnte schon, aber noch nicht jetzt, dachte sie in einer Mischung aus Nervosität und Vorfreude (es war ziemlich exakt das Gefühl, das sie nach ihren ersten wackligen Bühnenauftritten im vergangenen Jahr als Lampenfieber identifiziert hatte). Außerdem musste sie an Charlie Watts dranbleiben, der auf dem kiesigen Friedhofsweg im Schlepptau der Trauerfamilie dem schwarz glänzenden Monstrum von Sarg hinterher gekarrt wurde. Der High-Tech-Rollstuhl oder möglicherweise der schlaff drinhängende Charlie selbst nötigte, wie ihr aufgefallen war, den Leuten offenbar einen gewissen Respekt ab und hielt sie etwas auf Distanz. Wenn sie in seinem Dunstkreis blieb, verschaffte ihr das ein wenig mehr Bewegungsfreiheit, und die konnte sie später gut gebrauchen. Die kaum sichtbare Kopfbewegung von Andy, ihrem Starmaker, zeigte ihr, dass er das auch bemerkt hatte. Andy entging einfach nichts.

Nicht nur der Friedhof, ganz Dartmore platzte aus allen Nähten. Egal, wohin man blickte, überall wogte ein Meer schwarzgewandeter Gestalten. Die halbe Welt war zu der Beerdigung nach Kent gereist, und die andere Hälfte, so viel war sicher, saß zu Hause vor dem iScreen und zog sich dort das Spektakel rein. Ein ganzer Schwarm von Newscoptern kreiste am Himmel, im Kampf um die besten Einstellungen. Ein wenig angespannt blickte sie nach oben. Hoffentlich passten die Jungs auf; dies wäre nicht die erste Großveranstaltung, bei der es nach einer Karambolage brennende Copter-Trümmer auf die Menschenmenge regnen würde. Andererseits freute sie sich schon auf die riesige Fundgrube an unterschiedlichen Perspektiven, die sie morgen oder übermorgen am iScreen zu ihrem ganz persönlichen Clip zusammenschneiden würde. Das hatte sie schon als Teenager, als das Material noch dürftiger war, total gern gemacht. Schräg hinter sich entdeckte sie einen der Kameraläufer, die in der Menge arbeiteten, und konnte sich ein Augenzwinkern nicht verkneifen. Mein Gott, war sie nervös. Gleich würde sie sich in den String-Tanga machen.
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