DUM NR. 64

THEMA: VERSAUT
Mit: Iris Hanika - Interview * Daniela Dangl * Klaus Roth * Lisa Lercher * Wolfgang J. Fink * Claire Horst * Roman Weyand * Andreas Schumacher * Sara Holzer * Angelika Polak-Pollhammer * Elisabeth Klar * Margarita Kinstner * Barbara Kerndöl * Susanne Weigersdorfer * Ondřej Cikán * Sabrina Schauer * Margit Heumann * Peter Schwendele * Der Wortvertreter

Rezensionen: Christiane Rösinger - Liebe wird oft überbewertet * Christian Ritter - Dichter Schlachten * Michael Stauffer - Pilgerreise

Preis: EUR 3,30.- (EUR 5.- außerhalb Österreichs)
Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.- (EUR 20.- außerhalb Österreichs)
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DUM-Interview: "Hintergrundmusik hilft beim Bügeln, nicht beim Schreiben" mit Iris Hanika


Leseproben aus DUM 64:

REGIERUNGSKONZEPT
(Roman Weyand)

Ich habe mein
ernährungsprogramm
völlig umgestellt

gewichtsmäßig
befinde ich mich
wieder im guten
mittelfeld

ich bin dadurch
in der glücklichen lage
sowohl über die
zaundürren
hohlwangigen
vom fleisch gefallenen
bohnenstangen
als auch über die
gemästeten
schwabbeligen
vollgefressenen
dampfwalzen
herziehen
zu dürfen


DIE SONNTAGE DES T.O.D. WURST
(Margarita Kinstner)

Thomas Otto Domenica Wurst trat unter dem Torbogens seiner Wohnhausanlage hervor. Er wollte Zeitungen holen, fladern, stibitzen, klauen. Fühlte sich dabei als Lausbub, und das mit seinen 56. Dabei war Thomas Otto Domenica noch nie ein Lausbub gewesen, auch als Bub nicht, und kaum nicht mehr Bub: immer Steirerhut und Föhnfrisur. Blonde Welle und Vogelfeder, reich mir die Hand / das Haar. Außerdem: Was heißt hier Lausbubenstreich, da sieht man den moralischen fest verankerten Charakter des Thomas Otto Domenica - glaubt er doch tatsächlich, er kann das Fladern der Sonntagszeitung als Lausbubenstreich betiteln, dabei fladert die sowieso jeder, und wer sie zahlt, der ist wirklich selber schuld.

Thomas Otto Domenica Wurst trat also unter dem Torbogen seiner Wohnhausanlage hervor, denn er war gern über die politische und gesellschaftliche Lage seiner rotweißroten Nation informiert. Da platschte es auf einmal auf den Gehsteig, spritzte auf Thomas Otto Domenicas Schuhe, landete auf seinem Kopf. Ich schreibe es hier in der Reihenfolge, wie Thomas Otto Domenica selbst die Geschehnisse wahrnahm: Gehsteig, Schuhe, Kopf. In Wirklichkeit war es natürlich genau umgekehrt: Kopf, Gehsteig Schuhe. Oder: Kopf, Schuhe, Gehsteig - so genau lässt sich das im Nachhinein nicht mehr sagen, vielleicht ja auch: Kopf, Schuhe (weil es vom hinunterschauenden Wurschtkopf aufs Leder tropfte), Gehsteig und wiederum Schuhe (weil die Flüssigkeit durch den Aufprall am Asphalt zurück spritze). Wie auch immer. Da stand er. Wie ein begossener Pudel, ein An'gschütter. Sah hinauf, und da saßen sie: aufgefädelt wie die Spatzen am Drahtseil, vier Teenager, je eine Bierdose in der Hand (eine davon war jetzt wohl leer, wie Thomas Otto Domenica vermutete). Wie die Truthähne gackerten sie und ließen die geröteten Wangen hin und her schaukeln, verspritzten Bier, diesmal aus den Mundwinkeln.

Da reichte es dem sonst so gutmütigen Thomas Otto Domenica, ja, es reichte ihm wirklich, endgültig reichte es ihm. Etwas in ihm zuckte aus, brannte durch, brach auf.
...


EIN VERSAUTES LEBEN
(Angelika Polak-Pollhammer)

an der chromstange
am schlachterhaken
verkehrt sich plötzlich die welt
die augen aufgerissen
starren sie leblos auf jene
die nur ihr fleisch begehren


HUBER NIMMT KONTAKT AUF
(Susanne Weigersdorfer)

Worte können einiges anrichten. Das hat Huber schon oft bei Kollegen beobachten müssen. Eine ungeschickte Formulierung, ein gedankenlose Bemerkung - und schon findet man sich in einer bedauerlichen Situation wieder. Huber ist ein effizienter Mensch. Bei ihm hat ein einziges Wort gereicht.

Das Ausmaß des Schadens kann er noch nicht abschätzen. Der Kardiologen-Kongress ist für ihn wohl gelaufen. Womöglich seine ganze Karriere. Auf jeden Fall der heutige Abend, der ein geselliger Abend hätte werden sollen, und den er jetzt allein auf der Toilette beim Festsaal verbringt. Er weiß ja nicht, wie es die Mittermeier mit dem Weitererzählen hält. Wo er sie kaum kennt. Huber zupft an der Klopapierrolle. Vielleicht nimmt sie gerade in diesem Moment die Schulze, die Internistin aus Berlin zur Seite. Um nach den einleitenden Worten: "Hilde, du kannst dir nicht vorstellen, was der Huber vorhin zu mir gesagt hat", den unseligen Vorfall zu schildern. Reißt nach der Eröffnungsrede das Mikrophon an sich, um die anwesenden Frauen vor Primar Huber aus Wien, dem alten Wüstling zu warnen. Widmet ihren nächsten Artikel in der Kardio-Revue nicht pathologischen Gefäßveränderungen, sondern der krankhaft perversen Ader des Dr. H. Ist am Weg zur hiesigen Polizeistation um Anzeige wegen Unsittlichkeit zu erstatten. Sie hat allen Grund dazu - allen Grund hat sie.

Huber lockert sich die Krawatte. Frau Doktor Anneliese Mittermeier - diese beachtenswerte Person aus dem Klinikum München. Fundamentales Wissen kombiniert mit tadellosem Auftreten. Bis zu heutigen Tag hat er nicht gewagt, sie anzusprechen. Den Grund dafür kann er sich nicht recht erklären, ist er doch stets für eine fachliche Diskussion zu haben. Vielleicht es ist ihre angenehme Erscheinung, die ihn so irritiert hat. Der haselnussbraune Blick unter der stahlgrauen Frisur, der weiche Körper unter der gestärkten Bluse ...
Bei diesem Kongress wollte er endlich Kontakt aufnehmen. Ganz ungezwungen. Abends beim Sektempfang im Hotel Almenblick ergab sich dann die perfekte Möglichkeit. Er entdeckte sie am anderen Ende des Saales, ganz allein.

Erfreut - und Schritt für Schritt - arbeitete er sich durch die Menge aufgekratzter Kollegen. Ein Sektglas vor sich hertragend, und sehr vorsichtig. Kurz kam ihm eine entsetzliche Vorstellung in den Sinn: Was, wenn er direkt vor ihr stolperte und den Sekt auf ihrem Busen verschüttete? Wie in einem dummen Unterhaltungsfilm? Doch Huber ließ sich nicht lange beirren. Entschlossen, das Glas im Falle eines Sturzes Richtung Topfpflanzen zu schwenken ging er weiter. Sie sah ihn kommen, wartete, den Sekt Orange erhoben, bereit zum Anstoßen. Die volle Aufmerksamkeit bei ihm - und dem was er sagen wollte. Die Worte: "Wie gut, dass wir uns heute hier treffen", brachte er noch zustande. Der nächste Satz gelang ihm nicht. Dass er sich für ihre Arbeit interessierte, wollte er sagen. Und nicht: "Ich interessiere mich für ihre ..."
...


KURZKRIMIS FÜR EILIGE
(Lisa Lercher)

...

(2)

Er starb an einem Herzinfarkt als Margit den letzten Schleier fallen ließ. Mit Schweinsbraten, Stelze und Schwarzwälder-Kirsch hatte sie für Bluthochdruck und verkalkte Gefäße gesorgt. Ihr aufreizender Hüftschwung gab dem alten Tyrannen den verdienten Rest. Nun wollte sicher auch Lore, ihre beste Freundin, bauchtanzen lernen. Kochen konnte sie nämlich schon.




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