DUM NR. 47

THEMA: BRIEF.WECHSEL
Mit: Julian Schutting - Interview * Martin Obermayr * Leo T. Mirt * Hans Anglberger * Franziska M. Müller & Urs Mannhart * Christian Futscher * Susanne Rupprecht * Esther Strauß * Daniel Klaus * Jennifer Lynn Erdelmeier * Ondr(ej) Cikan * Markus Breidenich * Helga Müller & Marius Gabriel * Thomas Steiner * Nadja Bucher * Malte Borsdorf * Der Wortvertreter & Christian Schreibmüller

Rezensionen: Cornelia Travnicek - Aurora Borealis * Thomas Podhostnik - Der gezeichnete Hund

Preis: EUR 3,30.- (EUR 5.- außerhalb Österreichs)
Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.- (EUR 20.- außerhalb Österreichs)
Bestellung: Online, per E-Mail (dummail@gmx.at) oder unter 0664 / 4327973.


Leseproben aus DUM 47:

DAS TEEKÄNNCHEN
(Christian Futscher)

Mein lieber Freund Christian Futscher!

Es freut mich sehr, dass du am Beginn eines riesigen Erfolgsberges stehst, auf dem du dieses Jahr kontinuierlich hinaufkletterst, bis zum Zenit einer rosigen, wolkenumhangenen Märchenlandschaft, die deine Erwartung an Schönheit, Lieblichkeit und Annehmlichkeit bei weitem überragt. Das Jahr des Affen, 2004. Es wird uns alle in schönster Erinnerung bis zu unserem unverdienten Tod begleiten. Heil dir, Affengott.

Exkurs:
Dass ich es jedes Mal, in jedem Brief, bei jedem Wiedersehen vergessen habe: Du glaubst von dir, ein harmloser, netter Jüngling zu sein, der meist keiner Fliege was zu Leid tun kann und der leidlich beliebt ist. Dass du ein todeswürdiges Verbrechen begangen hast, letztes Jahr, hier in Salzburg, an deinem lieben Freund Dr. Peter Briem, ist dir möglicherweise gar nicht bewusst. Ich war so entsetzt, dass ich sofort verzweifelt versucht habe, dieses dein unwürdiges und unglaubliches Verbrechen zu verdrängen. Und es ist mir auch gelungen. Aber jetzt, jetzt ist es wieder da, und ich berichte:



DER ATLANTIK DAZWISCHEN
(Daniel Klaus)

Ich habe einen Siegelring geerbt, der mir selbst am Daumen noch zu groß ist. In den nächsten Tagen werde ich zu einem Juwelier gehen und ihn enger machen lassen. Ich habe auch eine Krawattennadel und Manschettenknöpfe geerbt. Ich weiß nicht, ob ich so etwas jemals tragen werde. Sie sind in einer kleinen Schachtel, die ich in meine Schreibtischschublade getan habe. Außerdem ist da noch eine Bibel, die kleinste Bibel der Welt. So steht es in ihrem Testament. Sie ist wirklich klein. Man braucht eine Lupe, um darin lesen zu können.

Heute wurde das Blumenfenster eingesetzt. Es sieht sehr schön aus. Besonders am Abend, wenn die Sonne darauf fällt und sich das Licht im Glas bricht. Ich habe bestimmt eine halbe Stunde davor gestanden und es betrachtet und daran gedacht, daß es Dir auch gefallen wird. Es hat eine große Fensterbank, und es ist jede Menge Platz für Deine Blumen da. Sie werden dort immer genug Licht haben.

Als ich mit Tante Anka am zweiten Weihnachtsfeiertag zusammen Chinesisch essen war, wusste ich nicht, dass es das letzte Mal war, dass wir uns sehen würden. Ich hatte eine Peking-Ente, und sie war sehr knusprig, und wir haben uns über die Knusprigkeit von Pekingente unterhalten. Vielleicht hätten wir über etwas anderes gesprochen, wenn wir gewusst hätten, dass es das letzte Mal ist, dass wir uns sehen würden. Vielleicht hätten wir aber auch gar nichts gesagt, weil es nicht auszuhalten gewesen wäre. Was soll man in einem solchen Moment auch sagen? Wahrscheinlich war es besser so. Ich hätte bestimmt auf die Toilette gehen müssen und dort geheult. Tante Anka ist jetzt schon über drei Wochen tot.



WORTSUCHE
(Jennifer Lynn Erdelmeier)

Hochwohlgeborene ...
Nein.
Hochverehrte ...
Nein.
Liebste ...
Nein.
Geliebte ...
Nein.
Liebe ...
Nein.
Meine Liebe ...
Nein! Nein! Nein! Liebster Schatz ...
Liebste Zuckerschnecke ...
Liebster Engel ...
Liebste Sonnenblume ...
Mein Kätzchen ...
Meine Elfengleiche ...
Ach, leck mich doch!
Hallo Sandra!



BIRNAU
(Thomas Steiner)

Lieber Josef,

ich liege da & lasse die Gedanken laufen. Falsch, ich lasse sie nicht laufen, sie laufen von selbst. Falsch, sie laufen nicht, sie ziehen. Sie ziehen umher & ich weiß nicht, wohin & ich kenne den Ort nicht, an dem sie umherziehen. Ich meine, ich kenne ihn nicht in Wirklichkeit. Das ist schade, denn ich weiß, dass vieles nicht stimmt.

Heute zogen sie von einem Sägewerk (einem in der wirklichen Welt) in Norwegen (ich war einmal dort), ein altes an einem Seeufer, zu einem anderen Seeufer mit Bäumen. Dazwischen zogen sie über eine Karte im Schulatlas (ich benutze noch immer den Schulatlas, weißt du) & ich blickte im Kopf auf die Nordischen Länder (wie in den Schulpausen [als ich immer über dem / also diesem / Atlas saß]). Der Blick zieht von West nach Ost, von Nor nach Fin, wo die blauen Flecken (auf der Karte) dichter stehen, wo ich mir nur Wald um die blauen Flecken vorstelle. Dann laufen sie (die Gedanken) um die Seen herum wie ein Bleistift auf Papier Kreise kritzelt & dann bin ich wieder anderswo, von dem Sägewerk über den Atlas nach Fin & von dort zu dem Bleistift (der Kreise kritzelt [jeden 10mal rundherum]) & jetzt bin ich von dort bei Dir gelandet.

Verzeih mir,
Franz



JA DIE ZEIT WECHSELT VIEL
(Nadja Bucher)

Der Briefwechsel ist ja ein Langer. Wechsel von Baum zu Holz. Holz zu Papier. Zu Briefpapier. Auf Schreibtisch oder Schreibunterlage. Mit Tinte, Bleistift, Kugelschreiber. beschrieben, bekritzelt, beschmiert. Wechsel zur Unterschrift mit Datum und Ort. Wechsel zum Zusammenfalten, origamigleich in ein Kuvert. Wechsel zum Postamt. Dort wechselt Geld in Briefmarke. Wechselt in Briefkasten. Wechselt Ort, Ortschaft, Stadt, Land, Fluss (aber dann gewechselt zur Flaschenpost, was ohne Kuvert aber mit Glas- oder Plastikflaschen vor sich gehen müsste und auch ohne Geldwechsel, weil die leeren Flaschen überall aufzutreiben sind. Also Flaschenpost wesentlich preiswerter, bloß ist Wechsel an Adressierten oder Adressierte nicht grundsätzlich gegeben - was allerdings auch durch Wechsel mittels Briefboten nicht garantiert ist - auch hängt's von Reichweite des Gewässers ab und kann von, sagen wir mal, schöner blauen Donau nicht zu Amazonas gewechselt werden oder falls ja, dann nur in übermenschlicher Zeitspanne. Daher wahrscheinlich Marktführerrolle zugunsten Post oder anderen Zustellern abgegeben). Jedenfalls gewechselter Brief von Senderin zu Empfängerin oder auch männlich oder interdisziplinär, gewechselt jedenfalls von einer Hand zur anderen.


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