DUM NR. 45

THEMA: PARTNER.WECHSEL
Mit: Linda Stift - Interview * Magdalena Jagelke & Mostapha Krizi * Christina Stein * Jennifer Lynn Erdelmeier * Georg Walz * Florian Purkarthofer * Thomas Havlik * Margarita Kinstner * Martin Obermayr * Marco Meng * Stefanie Kißling * Daniel Klaus * Johannes Witek * Michaela Seul * Josef Helmreich * Annemarie Bock * Helga Pankratz * Michael Nußbaumer * Robert Prosser * Markus Köhle

Rezensionen: Sarah Schmidt - Bad Dates * Linda Stift - Stierhunger * Martin Dragosits - Der Teufel hat den Blues verkauft * Richard Schuberth - Wartet nur, bis Captain Flint kommt!

Preis: EUR 3,30.-
Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.-
Bestellung: Online, per E-Mail (dummail@gmx.at) oder unter 0664 / 4327973.


Leseproben aus DUM 45:

NAMENLOS
(Jennifer Lynn Erdelmeier)

Ungewaschene Gedanken
am Morgen,
Fragezeichen mäandern müde
durch meinen Körper,
werden in meinen verklebten Augen
sichtbar.
Lara? Laura? Leni? Leonie?
Riecht wie schlechter Atem.
Ein fremdes Gesicht
strahlt mich schweigend an.
Es ist ein L-Name,
- hundertpro.
Erinnerungsfetzen haften in meinem Hirn
wie hartnäckiger Schlaf
gelb und krümelig.
Lilja? Lisa? Luana? Lulu?
Mein ungekämmter Blick fährt
entlang ihrer Linie.
Mein Körper weiß mehr,
als mein träger Kopf
was zu tun ist.
Scheiß auf den Namen,
alles bloß Schall und Rauch.
Denk ich mir und
decke sie mit mir selbst zu.



KEINE HEIMAT FÜR ALTE MÄNNER
(Martin Obermayr)

Er kniete auf dem Boden, schlug mit den Fäusten darauf ein und schrie: "Viktor, Viktor!" Es war aussichtslos. Er schlug fester auf den feuchten Waldboden ein, doch als erfahrener Jäger wusste er, die Chance, dass ihn jemand hören würde, war gering. Er versuchte es noch einmal mit letzter Kraft: "Viktor!" Wie spät mochte es sein? Das war das schlimmste: Er konnte alleine nie sagen, wie spät es ist. Ob mit oder ohne Uhr es war gleichgültig. Wie lange war er schon unterwegs? Er ging jeden Tag in etwa um drei Uhr los, er entnahm es dem dunklen Klang der Glockenschläge der Westminster-Pendeluhr. Es konnte also nicht später als fünf Uhr sein. Ende November war es um diese Zeit sicherlich schon dunkel. Rund um ihn dichter Nadelwald, das spürte er an den Nadeln die an seiner Faustunterseite kleben blieben, jedes Mal wenn er auf den Boden einschlug. Seine Stimme hallte kaum nach, er musste sich mitten im Wald befinden. Die dichten Baumkronen dämmten sein Geschrei merklich ein. Viktor musste etwas zugestoßen sein. Er hätte sich nie von alleine von ihm entfernt. Es war völlig ausgeschlossen, dass er davongelaufen war. Ans Aufstehen und Weitergehen war nicht zu denken. Ohne Viktor konnte er keinen Schritt tun. Er wusste warum er sich so lange geweigert hatte überhaupt das Haus zu verlassen: alleine war er hilflos.
...


BIS NACH NEAPEL UND WEITER
(Christina Stein)

Paul steht still, mit dem Gesicht gen Korsika. Dabei beginnt er zu schrumpfen. Seine Füße versinken im Sand, das Meer spült kniehoch nach.
"Kommst du nicht mit?" wollte er wissen.
"Nee, ist doch viel zu kalt."
Zwar scheint die Sonne in La Spezia, der Himmel strahlt im anmaßenden Blau wie sonst bloß an Sommertagen. Längst haben wir unsere Mäntel aufgeknöpft und halten die Gesichter in die Luft als wären wir Erdmännchen nach dem Winterschlaf.
Der Baum, unter dem ich sitze, hat alle Blätter verloren. Nur noch seine Äste breiten sich über mir aus: Ein starres Gerippe, landeinwärts gerichtet. Wie eine krumme, seltsam entstellte Hand. Und Wurzeln, die über den Sand krabbeln, sich darin verlieren. Ich hebe ein Loch aus, eine Mulde so groß wie die Innenfläche meiner Hand. Dort hinein lege ich mein Handy und die Schlüssel für meine Wohnung, den Briefkasten, das Büro. Der Baum wird darauf aufpassen, allenfalls Mäuse verschleppen solche Dinge in ihre Höhlen. Dieser Gedanke beruhigt mich. Soll ruhig eine Maus auf meinem Haustürschlüssel schlafen.
Sandige Erde klebt unter meinen Nägeln: schwarz, hässlich. Ich beginne, sie heraus zu pulen, doch dann lass ich es bleiben. Paul wird's nicht stören, und mich eigentlich auch nicht. Es sei denn, wir spielen, was alle spielen: Papier schlägt Stein, Stein schlägt Schere, Schere schlägt Papier. Dabei möchte ich die dunklen Halbmonde unter den Nägeln nicht sehen, nicht an den Baum erinnert werden. Schon gar nicht an die Schlüssel darunter.



DIE MÖBELTRÄGER
(Thomas Havlik)

Eine Schablone vollständige Helligkeit und eine Schablone absolute Finsternis übereinander gelegt, das, Martas Leben, ergab eine kakaofarbene, gepanzerte Milchglaswelt mit wenigen Sprenklern darin, die ungetrübt waren, durchlässigen Stellen - die der Bischof, wie er es trainiert war zu sehen, bereits bei ihrer ersten Begegnung erkannt hatte.
Als Marta mit den Möbelträgern telefonierte, um einen Termin zu vereinbaren, hatte sie Verständnis gespürt. Dafür, warum sie selbst es für besser hielt, den Auftrag, den sie der Firma erteilte, erst auszuführen, sobald ihr Mann verreist war. Im Endeffekt hatte sie sich aber rasch überreden lassen, den Abend, an dem es passierte, vorzuziehen. Erstens, da sie ansonsten laut Kalender der an ihre Grenzen ausgelasteten Räumungsfirma auf die nächste Gelegenheit Wochen hätte warten müssen, und zweitens, schlicht und einfach, damit die Anspannung endlich von ihr abfiel, die sie umkrallte wie Beton.
Pünktlich um 18 Uhr trafen sie ein. Der Kleinlaster der Diözese stand im Parkverbot vor der Einfahrt. Mehrere Nachbarn wurden aufmerksam darauf, Frau Einem stieß sich, wie zu erwarten gewesen war, besonders daran: "Auch der Herrgott muss sich an die Gesetze halten", sagte sie, und ließ sich bloß durch die Zusicherung beruhigen, der Wagen würde sofort weggefahren, sobald der Durchlass gebraucht würde, sie könne jederzeit Bescheid geben.
Sie stellte ein kalkulierbares Risiko dar. Alfons' Reaktion hingegen, Martas Mann, sobald er eine Sekunde zu früh etwas bemerkte, war nicht auszudenken. Deshalb sollte auch das Schlafzimmer verschont bleiben.
Hinter verschlossenen Schlafzimmertüren waren nämlich die Geräusche, die von den Möbelträgern unweigerlich ausgelöst werden würden, leiser als in jedem anderen Raum.
Alfons dazu zu bewegen, direkt von der Eingangstür mit ihr in das Zimmer zu gehen, in dem auch das Bett stand, noch bevor es ihm einfiel, die Küche oder das Wohnzimmer zu betreten, darin lag die große Unbekannte des Plans, den der Bischof sich ausgedacht hatte.



HUNDSTAGE
(Margarita Kinstner)

Der Sommer saugt alles aus, er zuzelt an den Blättern und den Flüssen, er saugt die Körperflüssigkeiten aus dem Leib, die Straßenbahnen stinken nach Touristenschweiß und die Autos nach nassen Managerhemden und Kinderkotze. Auch am Donaukanal stinkt es, nach totem Fisch und Urin. Nur in Sonjas Wohnung ist es schön kühl, Dank der neuen Klimaanlage. Aber da kann Jakob nicht mehr hinein, und er will es auch gar nicht, er liegt lieber in Maries Achselhöhle und nuckelt ihr den letzten Tropfen Schweiß aus dem Körper. So kriegt er auch nicht mit, wie Sonja anruft und ihm auf die Mailbox kreischt, was das solle, ob er jetzt komplett durchgeknallt sei, ihr einfach so den Schlüssel hinzuknallen, ein feines Arschloch sei er! Und während unter Maries Fenster - ratatatata - die Bauarbeiter in das Innerste Wiens vordringen, dringt Jakob - ratatatata - in das Innerste Maries vor. Und während Sonja die Tränen runter rinnen, rinnen Jakob die Schweißperlen runter, bis am Schluss beide ganz dehydriert sind, Sonja vom Weinen und Jakob vom Ficken.


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