DUM NR. 35

THEMA: VERREISEN
Mit: Erika-Elisabeth Muresan * Iris Schröder * Maria Koch * Esther Strauß * Rainer Wedler * Melamar  * Roland Mückstein * Jeff Tapia * Michaela Seul * Judith Purkarthofer * Stephan Waldscheidt * Andreas Plammer * Konrad Pauli * Judith Gruber-Rizy * Erna Holleis * Ernst Karner

Rezensionen: Eva Menasse - Vienna * Olga Flor - Talschluß  

Preis: EUR 3,30.-
Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.-
Bestellung: Online, per E-Mail (dummail@gmx.at) oder unter 0664 / 4327973.


Leseproben aus DUM 35:

SECOND HAND
(Esther Strauß)

Gegerbtes Braun, rissig, im erkälteten Straßengraben. Gelbe Fingerkuppen, eine Mütze, gestrickt, Herbstbaumfarben. Gebeugt die Knie. Gedreht, verquert. Schnallen, eins, zwei. Links, rechts, verschwindet im Second Hand Mantel.

Und schlendert davon, der Koffer, schlendert, schlauft, hoch, der Koffer, heim, heim, los, heim. Die Klinke, Nagellack, splittert und angelaufen. Rotz zieht sich hoch, die Nase. Zum Kühlschrank zuerst, Magermilchjoghurt. Zu. Zurück, die Katze, streunt. Zurück zum Lederkasten. Die Schnallen, bissig. Reiss auf dein Maul, Verbrannt. Hoch die Augen.

Er schlottert. Schlottert, Spalt, Schlucht. Ein Kind, gefaltet und gebügelt. Mit Preisschild, 9 Euro 90. Rot gestrichen, ein Sonderangebot. Nimm es. Heraus, greift.

Der Stoff, körnig. Tomatensaftrot mit Sonnenfalten. Ein Loch, stopfen, gespart, 9 Euro 90. Kleiderbügel in den Nacken. Nebenan toter Maulwurfspelz, grinst. Ein Knall schwarz, schaukeln, die verchromte Stange. Hallo.


MEIN VATER IN DER FALSCHEN WOHNUNG
(Stephan Waldscheidt)

„Er ist abgereist“, sagte meine Mutter.
„Warum?“, fragte ich.
„Frag nicht“, sagte meine Mutter. „Geh ins Bett und bring mir vorher noch ein Stück von dem Marmorkuchen.“
Abgereist, dachte ich, als ich im Bett lag und mir aus meinem Stuhl mit den Kleidern ein Monster mit Buckel und Hörnern zusammenphantasierte. Wenn einer abreist, muss er irgendwo auch wieder ankommen. Abgereist und angereist, das gehört zusammen.

Aber vielleicht gehörte es doch nicht zusammen. Meine Mutter und meinen Vater hatte ich mir auch immer als zwei Menschen vorgestellt, die zusammengehörten.

Ich stellte mir vor, dass mein Vater irgendwo anreiste, in diesem Augenblick an einem Bahnhof ankam, einer großen Halle mit eisernen Bögen wie in Frankfurt, mit einer großen Uhr und Werbetafeln, mit Stimmen aus Blecheimern und Zugbremsen, die so laut quietschten, dass es mir in den Ohren wehtat. Dort wartete schon jemand auf ihn. Ich stellte mir die Person vor, eine Frau, und wie in einem Film ging ich mit meiner Vorstellung näher an die Frau heran, die da auf dem Bahnsteig stand, eine Hand in der Manteltasche, die andere fummelte in ihren langen Haaren. Die Frau sah genau aus wie meine Mutter, ein bisschen jünger vielleicht.

Mein Vater bemerkte sie nicht gleich, als er ausstieg, aber sie winkte ihm, den Arm ganz ausgestreckt, die Hand drehte sich im Gelenk, als wollte sie eine Glühbirne einschrauben. Endlich sah er sie und sie gingen aufeinander zu. Er war nicht überrascht. Sie küssten sich. Genau so hatten meine Mutter und mein Vater sich früher geküsst, sie auf den Zehenspitzen, weil mein Vater viel größer ist, und er die Hände unter ihren Achseln, als wenn er sie hochheben wollte.


UNVERHÜLLT
(Maria Koch)

lebensläufe aus
laufen in wachs
wachsen über
kopf hoch 39
eigene krümmung
im nacken nackt
dada dastehen
kerzenbleich
kapellenstill
leben tropft


KIND UND KATZE
(Konrad Pauli)

An diesem sonnigen Märztag gestattete er sich auf dem Fussweg in die Stadt einen Umweg und geriet in ein schmales, abfallendes Strässchen überm Fluss. Hier standen Villen mit Vorgärten, wo man eben dran war, den Kies zu rechen und den Boden unter den Büschen zu säubern. Still war es sonst um diese frühe Nachmittagsstunde – die Stille schien aus der Vornehmheit der Villen mit den verschwiegenen Parks zu kommen, und ein langsam fahrendes Auto vermochte sie kaum zu durchbrechen.

Aus einem halboffenen Gartentor kam unvermutet eine Tigerkatze herangerannt, drückte sich auch gleich mit hochgestelltem Schwanz zwischen seine Beine.

Er fuhr ihr über das knisternde Fell, und zum Dank bohrte sie ihre feuchte Nase und auch den Kopf in seine hohle Hand. Die Katze schnurrte so vernehmlich, als wolle sie mitteilen, er möge doch nie mehr aufhören mit seinen Zärtlichkeiten.

Er hatte Zeit und war neugierig, wie lange die Katze Lust zum Verweilen haben würde. Ihr und ihm gefiel das Beisammensein so sehr, dass sie sich wechselseitig diesen Gefallen taten.
.......



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