DUM NR. 75

THEMA: KINDER
Wann geht es los?
Zwischen Konsens und Kapitulation
Mit: Magda Woitzuck - Interview * Sigune Schnabel * Peter Paul Wiplinger * Martin Troger * Anita Hetzenauer * Cornelia Koepsell * Daniela Dangl * Michel op den Platz * Christian Schwetz * Annika Rings * Annemarie Regensburger * Elisabeth R. Hager * Maria Matheusch * Katja Bohnet * Carsten Hein * Christine Teichmann * Angelika Polak-Pollhammer * Mario Hladicz * Eva Lugbauer * Renate Aichinger * Isabella Breier * Harald Darer * Johannes Witek * Der Wortvertreter

Rezensionen: Gerhard Benigni - Fertigteilparkettboden im Niedrigenergiereihenhaus * Magda Woitzuck - Über allem war Licht

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Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.- (EUR 20.- außerhalb Österreichs)
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DUM-Interview: "UND PLÖTZLICH WAR DER TOTE HUND EIN TOTER MANN" mit Magda Woitzuck


Leseproben aus DUM 75:

ALLES IST PERFEKT
(Anita Hetzenauer)

Butterblumengelb klebt die Sonne am Himmel. Zwei kleine weiße Wattewölkchen, die aus einer Waschmittelwerbung ausgeliehen sind, baumeln gleich daneben. Sie langweilen sich, natürlich. Schließlich sind sie nur aus dekorativen Zwecken genau dort oben angebunden. Viel lieber würden sie sich über dem Ozean tummeln und sich zu dicken fetten Gewitterwolken aufplustern. Doch ihnen wurde heute Morgen die undankbare Aufgabe zugeteilt, ein bisschen heile Welt zu spielen. Ein Sonntag braucht, um zu einem Bilderbuchsonntag zu werden, unbedingt Sonnenschein und ein paar einzelne kleine Wölkchen, damit alle zufrieden sind. Die Pessimisten können sich ihretwegen beunruhigen und sicher sein, dass es sicher noch regnen wird, während die Optimisten sich freuen, dass nur mehr einzelne kleine Wolkenreste da sind, die sicher auch bald weg sein werden. Verpufft am Horizont oder in die Fotoapparate hinein gesaugt, die diejenigen in der Hand halten, die nicht recht wissen, ob kleine Wolken am Himmel gut oder schlecht sind und vorsichtshalber fotografieren, was sich eventuell zu einem verheerenden Gewitter, einer Jahrhundertkatastrophe auswachsen wird, um für die Zeitung ein brandaktuelles Foto parat zu haben, oder andernfalls eine süße kleine Wolke an Ansichtskartenproduzenten zu verkaufen. Bilderbuchsonntage brauchen unbedingt ein kleines Mädchen in Sommerkleidchen und Strohhut. Blonde Löckchen sind natürlich Grundausstattung. Hier sehen wir es schon in einem Park sitzen. Zwischen netten kleinen Blümchen, versteht sich. Es sitzt am Boden, ganz vertieft spielt es. Schon sehen wir das kleine Mädchen als liebevolle Puppenmami, wie es ganz in seine Arbeit vertieft einen Kranz aus Gänseblümchen bindet. Doch hier bekommt unsere Bilderbuchidylle einen Kratzer. Das Mädchen ist da. Es spielt, doch die Puppe fehlt. Die Gänseblümchen auch. Vor dem Mädchen liegt etwas Braunes. Kunstvoll aufgetürmt, und doch nur Mist. Ein großer Haufen Hundedreck. So groß wie ein kleiner Dackel. Sicher von einem Bernhardiner. Die kleinere der beiden Wolken gähnt, als sie das bemerkt. Sie verschiebt sich fast unmerklich ein kleines Stückchen in Richtung Meer.
...


HINTER DEN LIDERN
(Sigune Schnabel)

steht das Haus meiner Kindheit.
Geschichten wohnen darin,
und unter den Planken
liegen noch die Schreie.

Ich stoße meine Stimme
in die Dinge
und setze Frühlinge
in den Boden.

Doch Mutter steht wie damals
am Bücherregal
und erntet Zeilen,
die sie mittags auf die Teller streut.
Auf meinen Lippen
riechen die Worte
verbrannt.


KONSTANTIN, DER KINDLICHE KÜCHENKAISER VON KLAGENFURT
(Maria Matheusch)

Tom und Ulla hatten es erst im Kopf und dann mit dem Taschenrechner durchkalkuliert: bei paritätischer Inanspruchnahme aller Großelternteile würden immer noch ganze zehn Jahre ihres Lebens mit Windel wechseln, Knie verbinden, schulischer Katastrophenminderung, Klavierunterricht abholen und Liebeskummer heilen in einer kleinkarierten Vater-Mutter-Kind-Konstellation verpuffen. Das war eine reine Durchschnittsberechnung, noch nicht miteinbezogen: Kieferregulierungen, Knochenbrüche, kleinere Kaufhausdiebstähle oder andere kriminelle Gehversuche.

Tom und Ulla waren selbst Einzelkinder, denn ihre Herkunftselternhäuser hatten sich komplett konzentriert auf Kohle und Konsum und gehörten zur kaufkräftigen Mittelschicht. Tom und Ulla hatten sich mit drei Monaten in der Krabbelstube kennen gelernt, besuchten gemeinsam Kindertagesstätte, -garten und -hort, dann den kommunalen Trachten- und Traditionsverein und kurvten nach ihrem ersten Kuss in eheliche Klausur. Aufgewachsen in überbehüteter klaustrophobischer Käfighaltung kannten sie außer Kärnten keinen weiteren Kontinent, hielten Klagenfurt für eine Metropole und den Kapitalismus für die einzig korrekte Weltanschauung. Alle sogenannten Un- und Zwischenfälle bislang vermeidend, kletterten sie behend die Karrieresprossen hoch.

Aber seit kurzem grübelten sie immer öfter darüber nach, dass Koitus auch etwas mit Kinder kriegen zu tun haben sollte. Den Knackpunkt zu diesen sehr komplexen Überlegungen hatten Großelterns Aussage geliefert: "Wenn Kindeskinder da wären, dann könnten wir das Küchenstudio Koch & Keuch (so hießen die Großelternpaare, und Ulla Koch war also eine geborene Keuch) schon im nächsten Jahr an Tom und Ulla überschreiben."
...


FORTPFLANZUNGSTRAGÖDIE
(Harald Darer)

Liebst Du mich?, sagt sie zu mir. Liebst Du mich noch? Liebst Du mich überhaupt noch? Wieso liebst Du mich eigentlich?, sagt sie. Was liebst Du an mir? Nenn mir drei Dinge, die Du an mir liebst, sagt sie. Jetzt gleich! Siehst Du!, Deine Liebe ist erloschen, stimmt's?, sagt sie. Deine Liebe ist gar keine, oder? Deine Liebe ist Gewohnheit, nicht wahr? Hast Du mich jemals geliebt?, fragt sie mich. Hast Du mich überhaupt jemals geliebt? Du liebst mich nicht mehr, stellt sie fest. Warum liebst Du mich nicht mehr, hm?, sagt sie, warum? Ich liebe Dich, sagt sie.

Ich schreibe auf:
Liebe ist, mit seiner Freundin keinen Sex zu haben und beim Onanieren trotzdem noch und nur an sie zu denken.

Stellen Sie am besten zuerst den Sessel so vor sich hin, meine Damen, sehen Sie?, sagt die Hebamme und schaut dabei mich an, weil ich in der erste Reihe sitze und nur deswegen in der ersten Reihe sitze, weil ich eine halbe Stunde zu früh und somit als erster angekommen bin und mich in dieser Zeit mit der Hebamme unterhalten habe müssen und dadurch mit ihr in ein Bekanntschaftsverhältnis getreten bin, das die anderen, nach mir Gekommenen, nicht mit ihr teilen. Jetzt stellen Sie den linken Fuß so auf den Sessel hinauf, sehen Sie?, meine Damen, sagt sie, mich dabei anschauend, und stellt ihren Fuß, an dem ein Moonboot steckt (es ist Winter) so auf den Sessel hinauf. Jetzt nehmen Sie Daumen und Zeigefinger so, sagt sie, und deutet mit den zwei gespreizten Fingern wie mit einer Pistole auf mich. Mit dem Daumen, sagt sie, und beugt sich zwischen ihre Beine nach vor, fahren Sie in ihre Scheide hinein, meine Damen sehen Sie?, und mit dem Zeigefinger fahren Sie in den Popo hinein, so, sagt sie, mich anschauend. Jetzt massieren Sie mindestens fünf Minuten ihren Damm, sagt sie und nickt mir zu. Das sollten Sie mehrere Male am Tag machen. Sie können ruhig jetzt schon damit anfangen, schaden kann's ja nicht, nicht wahr? Wenn der Bauch im Weg ist, können Sie natürlich ihren Partner bitten ihnen dabei behilflich zu sein, sagt sie, mich anschauend, weshalb mich alle anwesenden Damen auch anschauen, ich mir deshalb wie der kollektive Dammmasseur aller anwesenden Damen vorkomme. Wir wollen ja nicht, dass uns unsere Kleinen bei der Geburt die Zwischenwand herausreißen, nicht wahr meine Damen?, sagt die Hebamme, und strahlt mich an.

Ich schreibe auf:
Schadenfreude ist die schönste Freude.
...



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