DUM NR. 44

THEMA: REST
Mit: Jürgen Lagger - Interview * Robert Frittum* Armin Steigenberger * Marc van der Poel * Sarah Themel * Iris Schröder * Reiner Mund * Ernst Karner * Michael Zoch * Sandra Trojan* Isabella Breier * Wolfgang J. Fink * Simon M. Jonas * Regina Hilber * Annett Krendlesberger * Andreas Lehmann * Thomas Laessing * Tom Mokkahoff * Roman Weyand * René Hamann * Markus Köhle

Rezensionen: Margit Schreiner - Haus.Friedens.Bruch * Clemens J. Setz - Söhne und Planeten * Sarah Maria Lejeune - Kind im Nebel * Tobias Sommer - Zu viele Tragflächen

Preis: EUR 3,30.-
Förder-Abo (4 Ausgaben): EUR 13.-
Bestellung: Online, per E-Mail (dummail@gmx.at) oder unter 0664 / 4327973.


Leseproben aus DUM 44:

CITTÁ MORTA
(Jürgen Lagger)

Wenn die Sonne gegen Tagesende anhebt, die Gesimse der Häuser hoch in den Himmel zu hieven/ sämtliche feurig entflammten Dächer mit einzig gewaltigem Ruck/ mit konzentriertem Hub von den darunterliegenden Häusern zu reißen/ von der Schwere der steinernen Mauern zu lösen und die matten Vögel sich von dem Knirschen des von dem dauernden Dagegenhalten müden Gebälks erschrocken ängstlich in die angespannt knisternde Luft erheben/ westwärts fliehen, dem Meer entgegen und mit knatternden Federn gegen den gerade aufkommenden Wind: dann fliegen wider jeglichen Druckausgleich in den unteren Geschoßen der Häuser die Türen/ die Fenster auf und Menschen mit leichten Herzen und Händen strömen auf den noch warmen Asphalt; unter ihren Sohlen/ unter dem weichen Tritt ihrer Turnschuhe/ dem hellen Klicken mancher lederner Absätze dämmert es schon wattig schwarz: eine hauchdünne Folie sinkt hinter ihnen der vom Gang aufgewirbelte Schatten ihrer Schritte wieder zu Boden/ schmiegt sich blattgoldgleich/ ohne Gewicht lautlos kräuselnd an den Luftstrom/ legt sich als metallisch glänzender Film eng an die glatten Straßen und schluckt dort mit dunklem Glosen das langsam absterbende Licht.



NORTH 2007
(Robert Frittum)

Wer die Moral überlebt
stirbt am Image
der Fisch
liegt längst
tief
wie kein
Meer
(schweigt hin
schweigt her)
es treiben im Kunststoff
die Körper
zerwanzt
zerstofft
verschanzt
es bleibt
als Rest
eine Nummer
eine Nummer
namens Franz.


DER ZEITUNGSJUNGE
(Sandra Trojan)

In diesem Fall, sagt Mama, darfst du nach draußen, allerdings nicht zum Spielen. Du bist mit deiner Sammlung in Verzug. Ich verteile unten im Dorf den Kurier, doch wenn es an der Zeit ist, das Wochengeld einzusammeln, traue ich mich nicht, danach zu fragen. Eine Woche Tageszeitungen plus Sonntagszeitung kostet drei fünfzig, aber drei fünfzig ist viel Geld, also warte ich, bis es sieben Mark sind, dann ist es sowieso zuviel. Ich hasse die Sammlung und bezahle die Zeitungen mancher Leute von meinem eigenen Geld.

Mama gibt mir mein Buch und sagt, ich solle rumgehen, bis ich all das Geld eingesammelt habe, das man mir schuldet.

Im Winter fahre ich oft auf dem Schlitten das Fuchshol ins Dorf hinunter, im Sommer auf meinem alten Fahrrad. Jetzt ist Winter und der Schnee noch tiefer als an den vergangenen Morgen, und die ersten Spuren im Schnee sind die von Jojo, gefolgt von meinen. Jojo ist mein bester Freund. Jojo und ich, wir beide mögen Verena. Verena mag mich mehr als Jojo, obwohl er denkt, dass es andersrum sei. Sie mag mich mehr, weil ich den Kurier austrage. Jojo sagt, er würde nicht mal den Kurier austragen, wenn das die allerletzte Arbeit im Dorf wäre. Ich bin nicht mal fünf Minuten unterwegs, als ich ihm auf seinem Weg zu Verena begegne.



AUF DER BÜHNE
(Simon M. Jonas)

der sich krümmende
gedanke küsst kalauer
der kristalle

schmucklos spielen sie
mit längst vergangner
zeit es war einmal
zweimal öfter ...

es wird nicht
mehr der vorhang
hängt versteinert

die arie tönt
atonal das publikum
passiert die handlung
und kritisiert das
unverstandne


ALLES NUR KEIN REST
(Regina Hilber)

Scheitler hält den Atem an, legt mit gestrecktem Arm im Stehen den schwarzen Hörer auf die Gabel, ein Niederdrücken mit sanftem Druck, sie vernimmt das kurze Klacken, dann Stille für den Bruchteil einer Sekunde, kein Geräusch der nächtlichen Stadt drängt sich durch die Fenster in diesen lautlosen Moment, keine akustische Unterbrechung durch ein Uhrenticken, kein Lichtflackern. Dann ist alles wieder wie immer, als hätte es diese Sekundenstille nie gegeben. Die Stadt schickt ihre gewohnten Laute an die Fenster, vom Stiegenhaus sind Schritte und deren Widerhall zu hören, die Gastherme im Flur springt an, ihr Atem geht ein und aus, alles nimmt seinen gewohnten Gang und doch ist diese Nacht wie keine zuvor, denn Scheitel weiß, morgen, wenn die Abendausgaben zur Verteilung kommen, wird es ein Aufheulen geben und zum ersten Mal seit Jelineks Nobelpreisverleihung wird Österreichs Gegenwartsliteratur Schlagzeilen machen.

"Private Finanzspritze für Österreichs Autoren." Krone
"Reichster Österreicher stiftet Milliarde an die Gegenwartsliteratur." Presse
"Österreichs Autorenschaft freut sich über 1,4 Mrd. Euro." Der Standard
"Kann unsere Literatur 1,4 Mrd. Euro verkraften?" Falter


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