BITTE NICHT FREUNDLICH

AUTORIN: SARAH SCHMIDT
REZENSION: Kathrin Kuna
Nach Bad Dates ist dies der zweite Erzählband der Berliner Autorin, der beim mittlerweile zum Kult-Lable herangewachsenen, kleinen, feinen Verbrecher Verlag erschienen ist. Genauso wie dem Verbrecher Verlag geht es Sarah Schmidt aber um den wirklichen Berliner Kult, nicht um das, was der Prenzlauer Berg-Clan oder in den letzten Jahren auch die hippen Einwanderer am Kreuzberg und in Neukölln daraus machen. Man wird mitgenommen auf die Suche nach der kalten Schnauze Berlins und atmet erleichtert und glücklicherweise immer noch schnell auf, denn sie ist nicht verkommen, sie ist gar nicht so weit weg. Die Berliner Schnauze geht nur aus kleinen Läden, die schließen müssen oder von jungen Schneiderinnen und Innenarchitektur-Schnick-Schnack-Verkäuferinnen, Filmproduzenten und Szene-Kneipen-Besitzern übernommen werden, in die alten Kneipen. Diese Schnauze mit dem dazugehörigen, oftmals einfachen Gemüt findet sich beispielsweise auf dem Postamt, im Nahverkehr und bei der Service-Hotline der AOK.

Seltene Barbie-Puppe

Wer nun allerdings eine ketzerische Abrechnung mit dem deutschen Beamtenstaat erwartet, liegt falsch. Sarah Schmidt ist eine sehr strenge Menschenbeobachterin. Als solche - wie könnte es anders sein - ist sie aber in erster Linie sehr streng mit sich selbst. So gewährt sie uns in diesem Erzählband wieder wie beim letzten Mal Einblick in peinliche Momente ihres Lebens voller Missverständnisse und Desillusionierungen, v. a. aber auch in die schwarzen Winkel einer Berliner Großstadtseele. So dunkel ist es da gar nicht. Dort gibt es eine Erinnerung an die damalige Freundin, mit der man anfangs nur befreundet war, weil sie im Besitz einer sehr wertvollen und seltenen Barbie-Puppe war, die einem selbst verwehrt wurde. Es ist nicht ganz klar, ob die Mutter des Erzähler-Ichs geistesgegenwärtig und präventiv Barbies verbot oder, da dieses Verbot auch mit dem von Comics einherging, einfach genussfeindlich war. Das beschäftigt aber auch nicht weiter. Es geht hier um Fakten und deren Darlegung, nicht so sehr um die Interpretation derselben. Und in diesem sehr nüchternen und ehrlichen Betrachten, zeigt Sarah Schmidt wunderbar die Seele Berlins auf.

Berlin war eine Stadt, in der nicht sofort alles neu aufgebaut und verbaut und weggemacht wurde, wo bis zum Einfall der Bayern, Schwaben und Wiener, Amerikaner, Franzosen und Schweden außerhalb Charlottenburgs großbürgerlichen Wohnungen keine Schleifchen um Döschen gemacht wurden. Großartiger Höhepunkt dieser Abrechnung mit "Extremdekorateusen" ist die Erzählung Die Tanten, der Tinnef und der Tod.

Diese Geschichten zu lesen war für mich so erfrischend wie mein erster Besuch in einem Second Hand Laden in Berlin: Auf mein euphorisches, weil eben frisch in der neuen Stadt angekommen, und auf keinen Fall in religiöser Zustimmung, aber tief sitzender Gewohnheit ausrufenden "Grüß Gott!", meinte der Mann mit Irokesen und geschätzten drei Kilo Metall im Gesicht: "Deinen Gott grüße ich nicht." Es gibt sie noch, die, die nicht so freundlich sein müssen und wollen. Viel Spaß beim Begegnen, literarisch und vor Ort!

SARAH SCHMIDT. BITTE NICHT FREUNDLICH. Verbrecher Verlag. Berlin 2010. ISBN 978-3-940426-61-1


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