©P.Feuersänger
DU MUSST RAUSGEHEN

Martin Heidl interviewt: Theodora Bauer
Vom Winde verweht im burgenländischen Mattersburg; es war jener dunkle stürmische Tag am 14. September, an dem im Literaturhaus Mattersburg eine Veranstaltung mit vier einheimischen AutorInnen (Theodora Bauer, Jürgen Bauer, Wolfgang Millendorfer und Petra Piuk) stattfand. Bevor die Veranstaltung losging trafen wir uns zum Interview im Cafe Harrer in der Judengasse, innen chic, außen über dem Eingangstor noch ein alter schöner Schriftzug. Theodora meint: "Das Burgenland ist ein lustiger Ort."

DUM: Dein erster Roman "Das Fell der Tante Meri", 2014 ebenso bei Picus erschienen, wurde von der Presse hoch gelobt. Nun legst du den zweiten Roman "Chikago" nach. Theodora, ich habe das Gefühl, dass dein zweiter Roman irgendwie den "Zeitgeist" trifft?

Chikago, geschrieben mit einem k. Das war mein erster Impuls, mich mit der Geschichte der Burgenländer zu beschäftigen, die sich damals in großer Zahl nach Amerika aufmachten. Ich war gerade unterwegs zur Schokoladenfabrik "Hauswirth" in Kittsee, um dort einzukaufen, als ich mich verfuhr - und plötzlich stand dort ein Straßenschild: "Chikago, 5. Gasse". Tatsächlich ist Chikago ein Ortsteil der Gemeinde, eine schnell aus dem Boden gestampfte Siedlung, die einen Heimkehrer an die rege Bautätigkeit in Amerika erinnert hat. Und die so zu ihrem für die Gegend eher ungewöhnlichen Namen gekommen ist.

Und ich stellte fest, dass es wenig bis gar keine Literatur über das Thema gab; auch in der Schule wurde nie über die Auswanderungswelle gesprochen. Das waren ja unsere Leute, die davon betroffen waren. Genau für das Thema Flucht und Migration will ich ein Bewusstsein schaffen. Gerade in Österreich glauben ja viele, dass hier der Nabel der Welt ist, wo alle hinwollen. Ich habe jedenfalls viele Parallelen von damals zu heute entdeckt. Und ich hoffe, dass sich manche Entwicklungen von damals nicht auch in der heutigen Zeit wiederholen.

DUM: Das Thema polarisiert derzeit massiv, wie gehst du damit um?

Ich gehe damit so um, indem ich mit "Flüchtlingen" arbeite; wir waren zum Beispiel im Landesmuseum in Eisenstadt und erkundeten so die Welt der Flüchtlinge und gleichzeitig konnten wir die burgenländische Seite darstellen und erkannten so einige Parallelen.
Meine Mutter arbeitet auch intensiv mit Flüchtlingen; sie war Lehrerin und hält nun Deutschkurse und sie verfasst sogar Lehrmaterialien für den "Alltagsgebrauch".

DUM: Du stammst aus dem Burgenland und lebst ebenda?

Ja ich bin Burgenländerin. Meine Eltern stammen aus Niederösterreich, meine Mutter aus dem Waldviertel. Sie leben in Großhöflein bei Eisenstadt, mein Vater war in seiner Berufszeit Zollbeamter und da ergab es sich von selbst im Burgenland ansässig zu werden. Mein Lebensmittelpunkt ist mittlerweile in Wien, aber wenn im Sommer alle meine Freunde weg sind, komme ich sehr gerne wieder hierher.

DUM: Wo schreibst du?

Sowohl in Wien als auch im Burgenland. Das wichtigste für mich ist, dass es leise ist. Das ist ein absolutes MUSS.
Wenn ich schreibe, arbeite ich sehr intensiv; für jeden Teil im Buch habe ich mir zwei Monate Zeit genommen. Ich muss einen Charakter schmecken. Empathie ist eines der großen Geheimnisse beim Schreiben der persönlichen Geschichten der Charaktere in "Chikago"; erkennen, wie sie die Welt wahrnehmen. Das funktioniert wie bei einem Puzzle, das Eine geht ins Andere - dabei muss man ganz viel austarieren und sprachlich sozusagen den Weg bahnen.

DUM: Du hast vielfältige und intensive Recherchearbeiten für das Buch geleistet?

Ja, denn es gibt ganz wenig, was die Burgenländer und noch weniger, was die Auswanderungswelle betrifft. Martin Pollack's Buch "Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien.", erschienen im Zsolnay-Verlag ist zum Beispiel ein Auswanderungsbuch, wo ich gut nachlesen konnte. Pollack lebt mittlerweile ebenfalls im Burgenland ...

DUM: "Chikago" ist mittlerweile auch des Buch des Monats im Picus-Verlag!

Das freut mich natürlich sehr; überhaupt werde ich von der Verlagsseite, sowohl vom Lektorat als auch von der Öffentlichkeits- und Pressearbeit her, sehr unterstützt und gefördert.

DUM: Du stehst sozusagen im öffentlichen Leben, machst Lesungen, Diskussionsabende, Reisen?

Du musst rausgehen. Eine gute Pressearbeit ist ein Teil des Erfolges und in dieser intensiven Zeit bleiben andere Dinge, wie das Schreiben meiner Masterarbeit und / oder das Weiterbetreiben meiner Gesangsausbildung, im Hintergrund.
Die Reisen ergaben sich zum Teil aus der Recherchetätigkeit so nach Hamburg, Bremerhaven, Chicago ...
Zu Beginn stand das Auswanderungsmuseum in Güssing und die Reise nach Hamburg ins Auswanderermuseum Ballinstadt, wo ich unter anderem Namenslisten einzelner Schiffe nach Burgenländern durchforstete. Die Eindringlichkeit und klare Darstellung der Zustände in der fleischverarbeitenden Industrie und der Eisenbahnindustrie konnte ich vor Ort erfahren und dadurch sinngemäß in den Roman einbauen.

Der Schriftsteller Upton Sinclair, dessen Roman The Jungle (dt. Titel zunächst Der Sumpf, später: Der Dschungel) von 1906, sich mit den Lebensumständen in der US-amerikanischen Fleischkonserven-Industrie in den Union Stock Yards Chicagos beschäftigte, führte zu allgemeinem Aufsehen in der Öffentlichkeit und veranlasste schließlich die Durchsetzung eines speziellen Gesetzes zur Inspektion der Schlachthöfe zwecks Aufrechterhaltung der Hygiene und des Lohnniveaus.
Oder die Route 66 zum Beispiel führte von Chicago nach Los Angeles ...

DUM: Du bist sehr vielfältig aufgestellt. Du warst im Sommer beim Forum Alpbach?

Ja, ich war über ein Stipendium eingeladen und es war eine sehr intensive, spannende Zeit mit vielen Begegnungen dort. Ich war bereits 2015 in Alpbach, zu der Zeit, als sich die Tragödie von "Parndorf" ereignete und heuer lieferte ich auf Bitte des Regisseurs Peter Wagner als eine von 21 Autorinnen und Autoren einen Text für ein Theaterstück über die Flüchtlingstragödie. Eine 28-minütige Fassung des Dramas "71 oder der Fluch der Primzahl" wurde in Alpbach gezeigt. Das war eine sehr berührende Erfahrung und ich konnte die Wirkung bei den anwesenden Menschen spüren.

DUM: Was magst du am Burgenland?

Das Gute am Burgenland ist, dass es viel "Kultur" gibt; es existieren viele kleine Initiativen nebeneinander, zum Teil auch miteinander und der ORF Burgenland berichtet dementsprechend gut darüber.
Insbesondere das Literaturhaus Mattersburg ist ein besonderer Ort der Literatur und Begegnung. Im Rathaus untergebracht, stützt es sich auf ein tolles Team, welches sehr gute Arbeit leistet. Zum Beispiel kann ich einen Schreibworkshop für Jugendliche im Literaturhaus anbieten.
Und ich finde den "Casual" Umgang mit Mehrsprachigkeit gut. Ich habe in der Schule auch kroatisch gelernt.

DUM: "Die Eltern haben ja nur so daherreden können, weil sie solange nicht hier gewesen sind, weil sie nicht mitbekommen haben, wie trocken das Land geworden ist und wie schal es geschmeckt hat in seinem Abgang. Das ist das Ende der Welt gewesen, einmal nach der einen Richtung hin, einmal nach der anderen. Die Alten sind schon abgestumpft gewesen gegenüber diesem Gefühl." sagt einer der Protagonisten im Buch. Und heute?

Natürlich macht mir der "Klimawandel" Sorgen und wird auch immer mehr zum Thema. Aber das Burgenland ist sehr fein zum Leben. Verbesserungswürdig ist allerdings der Ausbau des öffentlichen Verkehrs, denn ohne Auto geht beinahe gar nichts.

DUM: Auf was dürfen wir uns in Zukunft freuen?

In Planung ist ein Theaterstück. Genaueres folgt.


Anhang: Lese soeben, dass Theodora Bauer das Festival "Die Freiheit des Lachens" am Salzburger Landestheater mit "papier.waren.pospischil", erschienen im Bühnenverlag Schulz und Schirm, gewonnen hat. Das Publikum stimmte für Bauers fröhlich-apokalyptische Komödie, für die nun als Preis eine komplette Lesung am Salzburger Landestheater geplant ist.

Wir gratulieren herzlich und danken für das Interview.


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