©R.Maybach
XOGT HODA

Wolfgang Kühn interviewt: Christian Schreibmüller
Für die 83. Ausgabe von DUM haben wir uns als Interviewpartner mit Christian Schreibmüller nicht nur einen der am häufigsten vertretenen Autoren ausgesucht, sondern vermutlich auch jenen mit dem imposantesten Bartwuchs unserer bislang 477 Gastautoren. Eine haarige Sache ist das Interview dennoch nicht geworden.

DUM: Zu Beginn gleich die unausweichliche Frage - seit wann trägst Du diesen beeindruckenden Bart?

"Trägst Du" ist gut! Wir "Träger" des voluminösen Bartes haben beim gedankenschwer gebeugten Gehen eine nette Ausrede. Also, dieser aktuelle Bart sprießt seit 27. Oktober 2004. Muss Yasmos 14. Geburtstag gewesen sein. Der verewigte Dialektautor Tschif Windisch rasierte sich ab da ebenfalls nur auf halblang. Obwohl wir Rapperin Yasmo noch gar nicht kannten, hatte sie schon das Netz ihrer witchcraft über uns geworfen. Und wollte offenbar, dass Tschif seinen Bart immer äußerst kurz hielt. Einem erstaunten Publikum erklärte er gern, unsere Bärte hätten am selben Tag zu wachsen begonnen.

DUM: Du bist ein sehr vielseitiger Künstler - Fotograf, Journalist, Autor, Schauspieler, Filmer und Fernsehgestalter und seit mehreren Jahren auch begeisterter Poetry Slammer. In welchem Genre fühlst Du Dich am meisten zu Hause?

Bei dem einen Genre erhole ich mich vom anderen. Und komme auf Beobachtungsweisen und Techniken, die sich einem auf bloß ein Genre Spezialisierten vielleicht nicht so keck anbieten. Bildkünste putschen mich auf, da merke ich den Grad meiner Erschöpfung erst spät. Das Schreiben aber verlangt Momente derart hoher Konzentration, dass es dann wieder von sich ablenken muss. Gut, wenn man da zwischendurch an einem Gedicht feilen kann. Es hat also jede Kunst viele Anstrengungs-, Erkenntnis- und Euphorie-Punkte, und es fällt mir schwer, mich in nur einem Genre zuhause zu fühlen.

DUM: Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Oder, um auch diesen Kalauer schnell anzubringen, war das Schreiben dem Schreibmüller quasi in die Wiege gelegt?

Ohne Frage! Der Befehl "Schreib, Müller!" gab die Richtung vor. Andrerseits las mir meine Mutter, ausgebildete Schauspielerin, zwar Märchen vor, aber auch Balladen. Als ich so zwischen drei und fünf Jahre alt war. Und das kleine Arschloch verlangte dann nur noch nach Schiller und Goethe. Den "Zauberlehrling" zu hören war höchste Lust. Schillers "Wandelnde Glocke" oder dieser Totentanz auf dem nächtlichen Friedhof ließen mich irre erschauern. Das Medium Buch, der Rhythmus des gestalteten Wortes, war mir das Tollste. Da wollte ich Dreikäsehoch unbedingt mitmischen. Jedenfalls faltete ich mehrere Blatt Papier, nähte sie in der Mitte zusammen und lief mit diesem Heft zur Mama: "Gell, Mama, ich bin schon wie der Goethe!?" Da bin ich hängen geblieben.

DUM: Von Dir ist vor kurzem ein neues Buch erschienen mit dem Titel "XOGT HODA". Was darf man sich darunter vorstellen?

Ein bissel was anderes als Goethe. Der Titel antwortet ja dem Motto des Dialektslams "WOS HOST GSOGT?" mit "XOGT HODA". Kurzgeschichten und Gedichte im Dialekt. Mich hat der von Tschif initiierte Dialektslam, nach Jahren hochdeutschen Schreibens, wieder aufs Dialektschreiben gestoßen. Ergo finden sich in diesen eher kurzen Texten des Buches, neben klassisch literarischen Motiven wie Liebe und Tod, so ziemlich alle Themen jenseits von Neutrino-Astronomie und Tiefsee.

DUM: Was macht für Dich den Unterschied zwischen Lesetisch und Slambühne aus?

Vielleicht sogar der Tisch. Bei Poetry Slams lese ich praktisch nie im Sitzen. Slam ist Performance, Theater, Kabarett, Wettbewerb, ja, auch Sport. Das machst du nicht im Sitzen. Die literarische Lesung hingegen appelliert, über eine diffizile Handlung nachzudenken, eine geniale Formulierung nachklingen zu lassen, zusammen mit Vortragenden über Philosophischem zu brüten. Und brüten musst du sitzend. Das ist, kurz gesagt, der Unterschied zwischen Lesetisch und Slambühne.

DUM: Gibt es anno 2017 noch so etwas wie kritische Literatur oder Protestliteratur? Bzw. kann oder auch will Literatur heutzutage überhaupt noch etwas verändern?

Eine Literaturzeitschrift, die sowas fragt, parodiert Fernsehreporter. Und wenn ich jetzt ernst antworte, kann man sich dessen nicht so sicher sein. Außerdem: Das Spannendste ist doch, das dahingestellt zu lassen. Schaumamal, ob kritische Literatur in der Welt von 2017 so gar nix verändert!

DUM: Wie stehst Du zu Texten, die Du vor, sagen wir, dreißig Jahren geschrieben hast? Greifst Du auf die noch manchmal zurück oder überarbeitest Du sie gelegentlich?

17jährige SlammerInnen nennen einen Text, den sie vor Monaten schrieben, einen "alten Text". So nenne ich schon ein wenig Historischer einen Text von 1967. Und einer von 2010 zählt zu meinen neuen Texten. Davon habe ich zu viele, um mich mit meinen 1970er Texten abzugeben. Jedoch zwei, drei mittlere Texte, wie "Da Rap is ka Depp" von 1994, belasse ich in bewährter Form und trage sie noch vor. Biologisch-literarische Zeitdilatation.

DUM: "Oh Blaade, Oh Blaada" - Du hast die Beatles ins Wienerische übertragen - wie ist es dazu gekommen?

Tage nach der Präsentation meines Buches "Unschuldsvermutung" musste ich Musikerinnen nochmals treffen, weil sie das Buch bestellt hatten, das ich, wegen Säumigkeit der Druckerei, in ungebundener Form hatte vorstellen müssen. Die Damen entpuppten sich als Beatles Fans und baten mich, Songs der Band, so adäquat wie möglich, ins Wienerische zu übertragen. Verspäteter Buchleim hat uns zwar geleimt, aber auch zusammengeleimt.

DUM: Gibt es eine spezielle Anekdote zu Deinem Bart?

Ging ich in Berlin zufällig unter dem Straßenschild "Karl Marx Platz" vorbei, stürmten Japaner mit Kameras auf mich zu: "Bitte, Mistel, stellen Sie sich unter das Stlaßenschild!"
In einem Wiener Gastgarten starrten zwei entzückende kleine Mädchen begeistert meinen Bart an, und ich kniete mich vor sie hin: "Könnts ihn eh angreifen. Gell, der is lang! Und gar nicht so hart wie er aussieht. Und so seidig! Gell, der greift sich gut an!?" Sie quietschten vergnügt, doch mir dämmerte: "Was, wenn deren Mütter da um die Ecke sind und bloß hören, was ich sage?!" Da suchte ich fluchtartig das Weite.
24. Dezember 2005, 18.30, ich stehe im Bus 13 A und halte mit der Rechten eine unverpackte, offene Tanne aufrecht. Mir gegenüber ein Vater mit seinen drei Kleinkindern. Die sind total aus'm Häuschen: "Papa! Papa, der Weihnachtsmann, der Weihnachtsmann!" Ich rüste mich zum Ausstieg und sage: "Auf bald!"


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