AUCH DIESES ROM WURDE NICHT AN EINEM TAG ERBAUT ...

Kathrin Kuna interviewt: Elisabeth R. Hager
Die in Berlin lebende österreichische Autorin Elisabeth R. Hager kennt sich nicht nur mit Kometen und literarischen Paradiesen und Vorgärten aus. Warum - und was das überhaupt heißen soll, erfahren Sie in diesem Interview. Kathrin Kuna stellte ein paar Fragen.

DUM: Du bist Literaturwissenschaftlerin, Journalistin, arbeitest fürs Radio an Features und Hörspielen, organisierst eine Lesebühne in Berlin Friedrichshain und hast soeben deinen ersten Roman fertiggestellt. Wie fühlt sich das an?
Sehr gut. Auch, weil ich weiß, auch dieses Rom wurde nicht an einem Tag erbaut ...

DUM: Als Journalistin für das "Missy Magazine" konntest du kürzlich die bekannte Soziologin Eva Illouz interviewen. Wie war das?
Erst einmal sehr aufregend! Eva Illouz hat mich als Wissenschaftlerin sehr beeindruckt, weil sie eine profunde Analyse der Funktionalisierung von Emotionen im Kapitalismus vorgelegt hat. Das Maß, in dem Konsumgüter heutzutage mit Gefühlen aufgeladen werden, in dem sie bis in unsere zaghaftesten Balzrituale hinein zentral sind, ist schon erschreckend. Beim Gespräch war ich dann aber ein wenig enttäuscht, weil ich den Eindruck hatte, hinter den zentralen Aussagen steckt nicht mehr viel Neues. Und ganz generell kam mir die Frage zu kurz: Was tun wir jetzt mit diesem Wissen? Was tun? sozusagen.

DUM: Gibt es für dich Frauen, vielleicht auch Autorinnen, die dich beeinflussen und beeindrucken?
Unzählige! Aber auch viele Männer ... Obwohl ich auch glaube, dass Bücher aus Büchern gemacht werden, bin ich nicht so auf AutorInnen fixiert & schon gar nicht auf AutorInnen von Prosatexten, da ich glaube, dass die Grenzen zwischen den Künsten oft willkürlich gezogen werden und oft nur den aktuellen Kompensationsvorlieben Rechnung tragen ;*) Ich verliebe mich meist kurz und heftig in die Arbeit der Anderen, bin eine Weile begeistert und geh' dann weiter zur nächsten Blume. Meine letzten Lieblingstexte waren: "Ida" von Gertrude Stein, "Notre Dame des Fleurs" von Jean Genet, "Die Palette" von Hubert Fichte und aktuell einmal wieder (zum 3. Mal schon) "Tristan und Isolde" von Gottfried von Strassburg. Zur Stunde interessiere ich mich gerade sehr für das Werk der Multimediakünstlerin Tanja Ostojić, die auf hardcore konsequente Art & mit vollem Körpereinsatz ihrer Kunst nachgeht, z.B. in ihrer Arbeit "Searching for a Husband with EU Passport", für die sie jahrelang verheiratet war und mehrfach umgezogen ist.

DUM: Die Protagonistin in deinem Roman, ist keine junge Frau auf der Suche nach sich selbst - würde ich sagen. Sie sucht zwar nach etwas, aber weniger nach ihrer eigenen Essenz, als vielleicht vielmehr nach einer gewissen Aussöhnung mit derselben. Würdest du zustimmen?
Zuerst einmal: was ist denn das überhaupt, "man selbst"? Ich halte nicht viel von essentialistischen Persönlichkeitsansätzen. Die postmodernen Ansätze gefallen mir da besser, aber die gibt es zum Teil auch schon seit Jahrhunderten. Ich denke dabei z.B. an Petitcrû, das supercoole Hündchen aus Gottfried von Strassburgs "Tristan & Isolde". Den kann auch niemand fassen, der ist ein loses Bündel aus Subjektpositionen & das schon am Beginn des 13. Jahrhunderts! Die Beschreibung eines Wesens, das alle möglichen Gestalten, Formen und Texturen annehmen kann, einfach nicht fassbar ist, immer nur einen Aspekt seiner Selbst zeigt, aber nie irgendwie "ist"; so stelle ich mir den freien Menschen vor. ( ≠ der flexible Mensch im Spätkapitalismus) Im Roman wollte ich eine Figur entwerfen, die von einem Tag auf den anderen aus einem Leben fällt, das nur aus Abgrenzungen zum Vorhandenen, zur Vorläufergeneration besteht. Von dem her hast du natürlich recht. Sie dreht das Rad an ihren persönlichen Nullpunkt zurück. Dann findet sie natürlich etwas, aber bestimmt kein fixes Konzept von Identität.

DUM: War es schwierig für dich dieser Figur eine glaubhafte Stimme zu verleihen?
Ja. In vielen Momenten ist die Figur sehr nah an meiner eigenen Stimme, was die Sache nicht gerade erleichtert. Daraus will ich für's nächste Mal lernen. Trotzdem hoffe ich, dass es mir gelungen ist.

DUM: Für sie wird es auch wichtig die Stadt, in der sie lebt zu verlassen und an einem anderen Ort weiter zu suchen. Besonders intensiv sind aber auch die Grenzerfahrungen, die sie in sich, in ihrem eigenen Körper erlebt. Spielte das Thema Weiblichkeit eine Rolle? Ist es die Suche nach der eigenen Weiblichkeit in einer gender-gemainstreamten Welt?
Natürlich. Die Figur trägt diesen Konflikt ja schon in ihrem Namen, Bubi. Sie agiert auf der persönlichen Ebene aus, was in der Gesellschaft um sie herum die ganze Zeit schon passiert. Jede Veränderung birgt Schmerz. Jede, auch die zum persönlich Besseren. Bubi befindet sich in einer Krise, die eine Quarter Life Crisis sein könnte. Sie steht in Konflikt mir ihrem Körper, aber viel mehr noch mit den Konzepten, in die sie sich eingewoben hat, um von diesem Körper, mit seinen Features (z.B. Reproduktion) in Ruhe gelassen zu werden. Da streitet aber nicht nur die aufgeklärte Feministin mit dem kleinen, reaktionären Prinzesschen, das von allen geliebt werden will, sondern auch ein Konzept von Natur mit einem Konzept von Kultur. Ich finde es sehr wichtig in dieser zunehmend vom Markt gemainstreamten Welt auf die Art zu achten, wie man sich bewegt und wie man sein Gegenüber erreicht, welche Berührungen stattfinden und welche nicht und natürlich die Frage, was man gerne hätte.

DUM: Hast du dich beim Schreiben dieses Romans bewusst von einer anderen (theoretischen) Seite angenähert? Oder wie gehst du überhaupt mit deinem theoretischen Wissen und politischen Background um, wenn du einen (fiktionalen) Text verfasst?
Erst einmal gibt es den Wunsch in mir einfach zu machen, loszulegen. Ich denke nicht viel, respektive versuche ich beim Schreiben nicht viel zu denken, weil ich glaube, dass nur dem enthemmten Selbst gelingt, was das gehemmte Selbst gern hätte. Natürlich gibt es Bücher und Theorien, die mich stark beeinflussen. Ich hätte meinen Roman zum Beispiel gern "Fliehkraft" genannt. Da gibt es aber schon das Buch von Mark Terkessidis & Tom Holert, das mich sehr inspiriert hat. Ich gehe beim Schreiben bewusst nicht durchdacht vor. Meine Hoffnung ist, dass sich meine Interessen, das was ich aufnehme und in mir spüre, von allein durch die zentrifugale Kraft der Wörter zu dem fügen, was ich sagen will und glücklicherweise passiert das auch schon recht häufig. Ich lasse mich auch sehr gern von mir selbst und anderen überraschen. Agitprop finde ich Scheiße. Das hat genauso wenig mit meinem Leben zu tun wie das ganze andere Zeug, das keinen Raum für Zweifel und Zwischenrufe lässt.

DUM: Wie lebt es sich mit deiner vielseitigen Begabung? Welches Kräfte- und Ressourcen- Management hast du in den letzten Jahren entwickelt, um Praxis und Theorie in deinem beruflichen Leben vereinbaren zu können?
Da sind wir wieder bei der Spartenfrage ... Ich glaube nicht an "vielseitige Begabungen", sondern eher daran, dass wir alle kleine, schicke Antennen haben, mit denen wir aus der Luft fischen können, was da ohnehin liegt. Wir können uns entscheiden, ob wir nur eine Frequenz einstellen oder switchen. Ich wechsle gerne mal den Kanal, schon allein deshalb, weil mir schnell fad wird bei einer Sache. Mein Ressourcen-Management ist einfach: Ich versuche nur zu machen, was mich interessiert. Dabei scheitere ich momentan aber noch oft kläglich an der Finanzfrage. Aber ich habe die Hoffnung, dass mir das über die Jahre immer besser gelingen wird.

DUM: In deinem Dissertationsprojekt geht es um Stille und Schweigen, beim Radio und der Lesebühne geht es darum eine Stimme zu verleihen. Du nimmst auch selbst an Klangperformances teil und gestaltest sie mit. Hattest du beim Schreiben manchmal das Gefühl an die Grenzen der Ausdruckskraft der Worte zu stoßen?
Ja. Worte sind nicht unbedingt Schall und Rauch, aber nach dem langen Schreiben an "Kometen" interessiere ich mich nun wieder mehr für kürzere Texte und besonders für die Artikulation durch Bewegung, speziell im Butoh. Bald aber werde ich wieder viel schreiben, denn ich bin von Worten schon ein bisserl besessen ... Meine Dissertation habe ich erst einmal auf Eis gelegt. Der wissenschaftliche Diskurs ist mir momentan zu eng. Aber ich will schon noch einmal eine Dissertation schreiben, wenn ich alt sein werde und das Schweigen mehr genießen kann als jetzt.

DUM: Fällt dir ein Schwank aus deinem Leben zum Thema "Bodyb(u)ilder" ein?
Als kleines Mädchen war ich ein totaler Wrestling Fan.

DUM: Vielen Dank.


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